Er sei kein Mensch, der gerne zurückschaut, sondern eher jemand, der neugierig nach vorne blickt, auch wenn er im Jahr 2003 – das gibt er dann doch noch zu – durchaus lieber 35 als 75 Jahre alt geworden wäre. So wird das Interview mit dem „Weltenbummler“ nach einem Dreivierteljahrhundert Lebenszeit unter dem Strich zwar auch ein wenig zur biografischen Zwischenbilanz, doch schnell wechselt der Blick hinüber ins Hier und Jetzt. Hamburger Abendblatt: Herr Krüger, wo feiern Sie Ihren Geburtstag? Hardy Krüger: In meinem Blockhaus, im Wald in Kalifornien. In Ruhe. Nicht wegen der Zahl 75 – natürlich wäre mir 35 lieber –, aber ich finde, dass nicht alle immer auf Bestellung fröhlich sein müssen. Ich mag diese Fernsehfeierei nicht, wie das zuletzt Karlheinz Böhm erleben musste. Wie wichtig sind derlei Daten überhaupt für Sie? Ich bin kein Mensch, der Rückblick hält. Natürlich gibt es Erinnerungen, wenn ich durch Hamburg gehe. An der Bücherstube am Neuen Wall denke ich an Felix Jud, der sich um mich gekümmert hat, als ich mit 17 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hamburg kam. Er gab mir Bücher, die die Nazis verboten hatten, er sah sich meine Schreibversuche an und sagte: Wenn du gut genug bist, dann sage ich es dir. Ich musste warten, bis ich 41 war ... Am 12. April 2003 wurde Hardy Krüger 75 Jahre alt. Ein paar Tage davor gab er dem Abendblatt dieses Interview. Ein Gespräch über Karriere, Religion, Kultur TEXT: CHRISTIAN-A. THIEL Hardy Krüger im Dezember 2003 vor einem riesigen Bild von sich im Berliner Filmmuseum. Foto: Mustermann Können wir mit einem neuen Buch rechnen? Ja, ich möchte die Trilogie beenden, die mit „Wanderjahre“ und den „Szenen eines Clowns“ begonnen hat. Der Titel ist „Begegnungen mit Tieren“. Ihr Leben wird gern dreigeteilt: die Jugend im Krieg, die Schauspielerkarriere, dann der Weltenbummler und Autor. Aber am liebsten wollte ich schreiben. Mit 17 hat mich nur keiner gedruckt. Ich brauchte ja einen Beruf, da wurde ich eben Schauspieler. Diese internationale Filmkarriere hat mir Spaß gemacht. Ich habe in Paris, London, Hollywood gedreht, lernte Afrika kennen. Dann kam der Weltenbummler – aber ich habe unterwegs immer geschrieben. Was hat Sie an der Fremde gereizt? Wissbegierde, Neugier. Das klingt jetzt nach großen Worten, aber: Ich hatte diesen Krieg überstanden, war 17 Jahre alt und auf der Suche nach Gott. Ich gehöre bis heute keiner Religion an. Ich habe die Bücher der Weltreligionen gelesen und wollte mehr wissen. Auch als Schauspieler habe ich nie am Swimmingpool herumgelegen. Die Begegnung mit Menschen anderer Sprachen, anderer Kultur, anderer Religion, anderer Hautfarbe, anderer Denkungsart – das hat mich nicht mehr losgelassen. Hätte Sie etwas zu einer Religion locken können? Auf gewisse Weise faszinieren mich alle, aber ich habe Schwierigkeiten mit militanten Religionen wie Christentum 61
RkJQdWJsaXNoZXIy MjExNDA4