Berliner Morgenpost Club | Hardy Krüger

Weltenbummler!? Als solcher gilt Hardy Krüger für viele noch immer – obwohl seine gleichnamige ARD-Fernsehserie vor 20 Jahren endete. An diesem Herbstvormittag ist der Schauspieler, Filmemacher und Autor zu Fuß zum Verlag Hoffmann und Campe an der Außenalster gekommen – aus seiner Wohnung ganz in der Nähe. Hardy Krüger ist derzeit wieder mal Teilzeit-Hamburger, und in blauem Hemd und beigefarbener Strickjacke ist dem (Lebens-)Künstler alles andere als nach großer Show. Der Herbst gilt auch als die Hochzeit für Bücher. Bei, mit und für Krüger geht es um Inhalte – weniger um die Verpackung. Aber dass sein neues Werk „Was das Leben sich erlaubt – Mein Deutschland und ich“ in dieser Woche von null auf acht in den Bestsellerlisten von „Spiegel“ und „Stern“ eingestiegen ist, erfüllt Hardy Krüger mit sichtlicher Genugtuung. Seine Co-Autoren Peter Käfferlein und Olaf Köhne haben es mit historischen Ergänzungen versehen. 88 ist der durch Kinoerfolge wie „Hatari!“ oder „Die Brücke von Arnheim“ auch international bekannt gewordene Schauspieler inzwischen. Seine blauen Augen strahlen noch immer, seine Stimme ist meist fest, hat ein warmes Timbre. Eine Autobiografie sei das Buch bewusst nicht. „Ich habe nie eine geschrieben und werde keine schreiben“, stellt Krüger („Ich bin eine Leseratte“) klar. Warum nicht? „In unserem Buch schreibe ich, der 88-Jährige, ganz bewusst, was mit dem Achtjährigen passiert ist, mit dem 13-Jährigen, mit dem 15-Jährigen.“ Es ist die eindringlich erzählte Geschichte eines überzeugten Adolf-HitDer Schauspieler und Autor schrieb 2016 mit „Was das Leben sich erlaubt“ einen Bestseller über seine Jugend- und Hitler-Jahre TEXT: STEFAN RECKZIEGEL ler-Schülers, der 1933 als Fünfjähriger von seinen Eltern in die braun-schwarze Uniform des Deutschen Jungvolks gesteckt wird, am Ende des Zweiten Weltkrieges längst zum überzeugten Nazi-Gegner geworden ist und diese Haltung heute umso deutlicher vertritt, vor allem gegenüber jungen Menschen. „Jesse Owens, der vierfache Goldmedaillengewinner in der Leichtathletik, war mein großer Held“, sagt Krüger. 1936 sah der gebürtige Berliner mit seinem Vater im Olympiastadion zum ersten Mal in seinem Leben einen schwarzen Menschen. Ein Schlüsselerlebnis. „Ich habe ihn gefragt, warum der Führer ihm nicht die Goldmedaillen gibt.“ Eine Antwort auf seine Frage erhielt der kleine Junge vom Vater nicht. Schon als 13-Jähriger kam Krüger auf die Adolf-Hitler-Schule auf der Ordensburg im bayerischen Sonthofen: Er sollte zu einer Führungspersönlichkeit im NS-Regime geformt werden. Als „dieser österreichische Verbrecher“, wie Krüger den NS-Diktatur im Gespräch auch nennt, drei Jahre später eine ganze Division von 16-Jährigen aufstellen ließ, ging es auch für Hardy Krüger ums bloße Überleben. Hardy Krüger schildert die Auseinandersetzung mit einem flämischen SS-Offizier. „Da war ich schneller als er. Deshalb hab ich überlebt und er nicht“, sagt Krüger. Es war das erste und einzige Mal, dass er einen Menschen tötete. „Er hatte schon einen Freund von mir erschossen, und ich wäre der Nächste gewesen.“ Als Hardy Krüger dann später den Befehl bekam, als Sonthofener den amerikanischen Spähtrupp „aufzureiben“, schoss er nicht. „Das waren alles Schwarze, die wussten nicht, dass ich meine Leute im Unterholz hatte. Ich hab ein schwarzes Gesicht nach dem anderen gesehen vor meiner Maschinenpistole in acht Metern Entfernung – und da ist mir Jesse Owens eingefallen! Ich konnte einfach den Finger nicht krumm kriegen, und keiner hat geschossen.“ Vors Kriegsgericht kam Krüger – ums Leben mit viel Glück nicht. „Wenn ich über diese Zeit rede an der Front als 16-Jähriger, dann ist das, als würde ich über einen ganz anderen reden“, sinniert Krüger. „Es war alles verwirrend. Und verwirrend war auch, einen Spähtrupp der Amerikaner anzugreifen.“ Er sollte ja auf die schießen, die er längst als Befreier betrachtete. Krüger wusste dank des Ufa-Stars Hans Söhnker von Stalingrad, auch von 77

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