Berliner Morgenpost Club | Hardy Krüger

falsch erzogen worden bin. Und ich möchte, dass das der jungen Generation von heute nicht passiert. Als der Krieg vorbei war, habe ich eine gewisse Verpflichtung empfunden, etwas klarzustellen. Ab 1949 waren wir eine Demokratie. Wenn ich aber nach Paris und London kam, hat die Presse zunächst versucht, mich als Nazi darzustellen. weil ich blond und blauäugig war“, berichtet er. „Außerdem hat mich gestört, dass mir gesagt wurde, es habe keinen deutschen Widerstand gegeben. Das hab ich mir verbeten.“ Hardy Krüger galt speziell von den späten 1950er-Jahren an als das Gesicht des guten, des sympathischen Deutschland. „Ich habe den Irrtum ausgeräumt. Dumme Menschen gibt es überall, auch in England oder in Frankreich. Und das hab ich auch gesagt.“ Heute sagt Krüger: „Ich bitte meine Mitbürger, sich politisch zu interessieren.“ Was Krüger sehr stört, ist Politikverdrossenheit. „Meine Eltern waren politikverdrossen, deshalb sind sie Hitler in die Arme gefallen. Und so etwas soll nie wieder passieren.“ Genau das kommt im neuen Buch zum Ausdruck. Rechte Gruppierungen regen ihn auf: „Wenn die sagen: ,Muslime raus!‘, dann höre ich immer wieder ,Juden raus!‘ Das verbitte ich mir!“ Das Grundgesetz sei ihm heilig. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zitiert Hardy Krüger Artikel 1. „Da steht nicht drin: Die Würde des deutschen Menschen ist unantastbar. Also ist auch die Würde der Flüchtlinge unantastbar.“ Dass es Leute gibt, die sich darüber aufregen, versteht er nicht. „Wir sind 81 Millionen. Können wir nicht 700.000 verkraften?“ Wie er die Folgen von Pegida und des sogenannten Flüchtlingsstroms einschätzt? „Dass jene Gruppierung, die sich Partei nennt, bis zu 20 Prozent Zulauf bekommt, ist unglaublich, das entsetzt mich. Das ist eine Partei, die die Demokratie abschaffen will, die kann sagen, was sie will. Dagegen müssen wir uns wehren“, fordert Hardy Krüger beim Thema AfD. Seit Jahren unterstützt er die Amadeu Antonio Stiftung; mit Exit Deutschland gründete er die Initiative „Gemeinsam gegen rechte Gewalt“. Hamburgs kürzlich gestorbene Kultursenatorin Barbara Kisseler, die ihm als Leiterin der Berliner Senatskanzlei mit Bürgermeister Klaus Wowereit 2009 das Bundesverdienstkreuz verliehen hatte, brachte Krüger auf die Idee, mit der Initiative mehrmals pro Jahr in Rathäuser zu gehen und deren Arbeit vorzustellen. 2013 hatte Kisseler ihm und dem im Vorjahr gestorbenen TV-Journalisten Klaus Bednarz („Monitor“) in diesem Zusammenhang erstmals ein Forum im Hamburger Rathaus geboten. „Ich vermisse sie“, sagt Hardy Krüger, der versuchen will, bei der Gedenkfeier für Barbara Kisseler am 19. November im Schauspielhaus dabei zu sein. Ein Gymnasiallehrer aus Wismar brachte Krüger indirekt auf eine weitere Idee: Nach einer Lesung in der Ostseestadt orderte er bei einer Buchhandlung 28 Exemplare der „Wanderjahre“, Krügers älterem, teils autobiografischem Werk. Der Pädagoge für neue deutsche Geschichte sagte dem Buchhändler, alles, was er seinen Schülern mit auf den Lebensweg gebe, stehe in Krügers Buch. „Das hat mir unglaublich imponiert, da ist mir die Idee gekommen, nicht nur in die Rathäuser zu gehen, sondern auch in die Schulen“, sagt der Autor. 2017 will es Krüger mit der Grundlage seines neuen Buchs angehen – auch in Hamburg. Die Stadt kennt er, seit er als Statist 1945 mit 17 Jahren auf abenteuerlichen Wegen ans Deutsche Schauspielhaus gekommen war. „Aber ich komm jetzt nicht mehr zum Theaterspielen. Wenn man das Glück hat, so alt geworden zu sein wie ich, macht das hier nicht mehr mit“ – Hardy Krüger deutet in Richtung seines Gehirns. Für die Bühne zwei Stunden Text zu lernen ist eine echte Aufgabe, aber eine Lesung mit einer Botschaft, wie er sie hat, ist es ja auch. Hat einer wie er, der die Schrecken der Hitler-Diktatur und in jungen Jahren den Zweiten Weltkrieg überlebt hat, überhaupt Angst vorm Tod? „Ich bin mit dem Tod aufgewachsen“, sagt Hardy Krüger, „und zwar in den Bombennächten als Zwölfjähriger, musste Tote aus Trümmern bergen, abgetrennte Arme und Beine – furchtbar.“ Was daraus erwachsen ist, schildert Krüger so: „Eine ungeheure Lust am Leben! Hans Söhnker hatte mir auch mal gesagt: ,Du musst überleben, weil es Frauen gibt, die an dir Gefallen finden werden. Frauen sind ja was Wunderbares, bitte bleib übrig!‘ Hab ich gemacht – und die Frauen waren auch immer sehr nett zu mir!“ Im nächsten Frühjahr will Hardy Krüger mit seiner dritten Ehefrau Anita wiederkommen aus seinem Hauptwohnsitz in der Nähe von Los Angeles und deutsche Rathäuser und Schulen besuchen. Mag seine Zeit als „Weltenbummler“ der Vergangenheit angehören, als Mahner und Warner vor Rechtsradikalismus, als Streiter für die Freiheit, als Zeitzeuge hat er noch einiges zu erzählen hierzulande. Erschienen im Hamburger Abendblatt am Sonnabend, 5. November 2016 Meine Eltern waren politikverdrossen, deshalb sind sie Hitler in die Arme gefallen. Und so etwas soll nie wieder passieren. Hardy Krüger 79

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