August 2025 # 152 DAS ENTSCHEIDER:INNEN-MAGAZIN FÜR DIE REGION Achtung Nachahmer … So lernt eine Roboterhand Ab in die Cloud! Schornsteinfeger setzt auf KI Der neue Super-Doc? Über die Transformation im Gesundheitssektor Das Upgrade der Menschheit
STRATEGIE. VERMÖGEN. Z U K U N F T Unendlich. Gut. Über Generationen. blsk.de/pb KOMPLEXE VERMÖGEN Wir haben exzellente Lösungen! Wechseln Sie mit uns die Perspektive. Agieren Sie, statt auf neue Anforderungen an den Finanzmärkten nur zu reagieren. Wir schaffen Handlungsoptionen und echte Mehrwerte durch maßgeschneiderte Lösungen. Institutsübergreifende Gesamtbetrachtung Risikosteuerung Liquiditätsmanagement Strukturanalyse Innovative Investmentlösungen Vermögenssicherung Investment Advisory Silvester Plotka, Leiter Private Banking BLSK Stefan Keil, Portfolioberater Private Banking
Editorial 06/2015 Vor zehn Jahren stand Frank Klingebiel bereits kurz vor seinem zehnjährigen Dienstjubiläum als Salzgitters Oberbürgermeister. Wir sprachen mit ihm über die damals ähnlich hohe Arbeitslosigkeit, erörterten das Thema Ghettobildung und sahen positiv auf den Ausbau des Ostfalia-Standortes. Außerdem stellten wir in einem schönen Schwung alle Golfclubs der Region vor und besuchten die Stiftung Staatstheater Braunschweig. Liebe Entscheider:innen, mit meinem Sohn schlenderte ich im April durch Halle 6 der Hannover Messe, als etwas surreales geschah: Ein humanoider Roboter stapfte auf uns zu und gab dem 12-Jährigen, in einer mehr oder weniger fließenden Bewegung, die Hand. Die Fähigkeiten dieser Maschinen sind bekannt, aber ich empfand den Handschlag in diesem Moment als symbolträchtig. Die Messe warb zutreffend mit dem Motto „Shaping the Future with Technology“. Wir stehen am Beginn eines Zeitalters, in dem vielleicht auch menschliches Selbstverständnis einmal in Frage gestellt wird. Ein Editorial über Künstliche Intelligenz zu schreiben, ist, wie über die zunehmende Verbreitung von 3D-Kino zu staunen. Nicht nur, weil es einen aktuellen Hype gibt – bereits um 1960 tauchten die ersten Schachcomputer und Vorgänger neuronaler Netze auf – sondern weil sie uns heute auf Schritt und Tritt begleitet, etwa in Form von Smartphone-Anwendungen. Kybernetik, die vergleichende Erforschung von Verhaltensweisen bei Lebewesen und Maschinen, war schon eine der Kernideen des 20. Jahrhunderts. In diesem Jahrhundert wird sie sich voll entfalten. Jörg Ludwig, Geschäftsführer der IServ Gruppe, hat dazu eine klare Meinung: Im Gespräch mit uns sagt er, KI werde unsere „Gesellschaft in zehn Jahren oder früher“ komplett auf den Kopf stellen. Im Schulalltag, das ist richtig, kommt die Technologie von allen Seiten an. Ludwigs Unternehmen gehört zu jenen, die das begriffen haben und sich darauf ausrichten – übrigens wie viele andere Unternehmen und Forschungseinrichtungen unserer Region. Eine Auswahl stellen wir in dieser Ausgabe vor. Eine entscheidende Frage, die sich aus der Integration von KI ergibt, ist: Werden Wirtschafts- und Gesellschaftstheorien noch Gültigkeit haben, wenn sich Produktionsprozesse komplett verschieben? Oder werden Faktoren wie Energiebedarf und Rohstoffe zur Chip-Herstellung die Entwicklung eher bremsen, als wir heute glauben? Intelligenz, ob nun künstlich oder nicht, ist vonnöten, um unsere Lebens- und Arbeitsweise klug zu gestalten. Die wahre Stärke der KI, denke ich, wird aber nicht in ihrer Fähigkeit liegen, Aufgaben zu automatisieren. Vielmehr wird unser Wille entscheidend sein, ihre Chancen verantwortungsvoll zu nutzen und Arbeitsprozesse neu zu gestalten. Zu diesem Gelingen möchte Berater Sascha Hummel beitragen, der Unternehmen mit Risiken und Möglichkeiten der KIAnwendung vertraut macht. In der Zukunft unserer Kinder jedenfalls wird ein Zusammenleben mit Künstlicher Intelligenz – in welcher Form auch immer – eine Selbstverständlichkeit sein. Das allein sollte Ansporn sein, ihre Möglichkeiten im positivsten Sinne zu nutzen. Torben Dietrich Redaktion Standort38 TITEL KI-generierte Grafik via DALL-E, Prompt: Tanja Reeve STANDORT38 3 August 2025 Impressum Herausgeber FUNKE Medien Niedersachsen GmbH, Hintern Brüdern 23, 38100 Braunschweig Geschäftsführer Tatjana Biallas, Simone Kasik, Christoph Rüth, Christian Siebert www.funkemedienniedersachsen.de Redaktionsleitung Dr. Kerstin Loehr (verantwortlich) Portal Development: Marken, Märkte, Magazine Ida Wittenberg Redaktion Torben Dietrich, Gesa Lormis E-Mail Redaktion standort38@funkemedien.de Layout Chris Collet, Katrin Groß, Anastasia Schneider Anzeigenleitung Gordon Firl Telefon Anzeigen (0531) 39 00-417
Auf einen Blick Inhalt August 2025 STANDORT38 4
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FOTOS Molly Riley/Gage Skidmore/Wikimedia, Campus Verlag, MDR/DRIVEbeta/Benjamin Kahlmeyer Auftakt STANDORT38 6 August 2025 KI 2041 Zehn Zukunftsvisionen Kai-Fu Lee | Campus Verlag Erschienen 2021 und im Jahr darauf mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis von Handelsblatt, Goldman Sachs und der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet, kann das Werk von Kai-Fu Lee als eines der wichtigsten Wirtschaftsbücher dieser Jahre gelten. Er weiß, wovon er schreibt: Lee ist Co-Vorsitzender des Artificial Intelligence Councils beim Weltwirtschaftsforum und bekleidete Führungsrollen bei Microsoft, Apple und Google. Zum anderen weiß er, dass eine gute Story hilft, um Dinge zu verstehen. Hier liefert er gleich zehn. Dementsprechend ist „KI 2041“ kein Sachbuch im klassischen Sinne. Es ist eine Anthologie von mal ergreifenden, mal schockierenden oder mutmachenden Kurzgeschichten, die Aspekte der KI-Entwicklung aufgreifen. Abgerundet werden sie durch Analysen, welche jeweils die technologischen Hintergründe und den aktuellen Entwicklungsstand erklären. So wird etwa die Geschichte von Amaka erzählt, der im nigerianischen Lagos von 2041 einen (bereits gefälschten) Avatar kopiert und ihn zum Verlautbarer politischer Botschaften in den Sozialen Medien macht. Jobabbau durch Künstliche Intelligenz ist ein weiteres der Themen. Dies erzählt Lee anhand von Protagonisten einer Transformationsgesellschaft, die entlassene Menschen irgendwie in einen neuen Beruf vermitteln soll. Dabei geht es auch um politische Begleiterscheinungen wie bedrohliche Aufstände oder ein bedingungsloses Grundeinkommen. Insgesamt gelingt Kai-Fu Lee die Darstellung einer Zukunft auf Basis heutiger Kenntnisse und dem sich beschleunigenden Innovationszyklus im Bereich der Künstlichen Intelligenz. „KI 2041“ ist für alle lesenswert, die sich für gesellschaftliche Entwicklung interessieren (müssen). T.D. Zukunft im Fokus Bad Bromance Elon Musk, Peter Thiel und ihr Weg an die Macht ARD Audiothek Der öffentlichkeitswirksame Bruch zwischen dem reichsten Mann und dem mächtigsten Mann der Welt kam zwar nicht unerwartet, überraschte aber in seiner Heftigkeit und Turbulenz. Dass die Freundschaft zwischen Elon Musk und Donald Trump schon länger zurückreicht und es schon Jahre zuvor ein Auf und Ab gab, ist hingegen nicht allen bekannt. Der „Bad Romance“-Podcast von Janne Knödler und André Dér-Hörmeyer blickt in das bisherige Leben, Wirken und Mindset von Musk sowie die Integration seiner Unternehmen in die US-Politik. Außerdem nimmt er eine Person ins Visier, die wie Musk in Südafrika aufwuchs, im Silicon Valley reich wurde und bis heute im Hintergrund die Fäden einer rechts-libertären Kulturrevolution in den USA in der Hand hält: Peter Thiel. Die Gemeinsamkeiten der beiden Protagonisten (etwa ihre millionenschwere Unterstützung für Donald Trump), ihre gemeinsame und von Zerwürfnissen geprägte Geschichte bei PayPal in Palo Alto sowie grundsätzliche charakterliche Unterschiede werden unterhaltsam herausgearbeitet. Zu Denken gibt im Nachhinein allerdings die geballte Macht, die beide Männer haben. Und wenn Peter Thiel, dessen persönliches Netzwerk radikaler Blogger (heute als „Philosophen“ bezeichnet) bis zu US-Vizepräsident Vance reicht, nachweisbar über die Abschaffung der Demokratie zugunsten eines CEO-gelenkten Staatswesens nachdenkt, könnte ein Gefühl der Beunruhigung zurückbleiben. T.D.
Auftakt STANDORT38 7 August 2025 Dr. med KI Künstliche Intelligenz in der Medizin KI-Campus und Charité Berlin Es ist Zeit für Gute Daten, Schlechte Daten: Im KI-Podcast der Charité Berlin geht es – ganz grob zusammengefasst – darum wie KI funktioniert und in der Medizin Anwendung findet. Hauptspeakerin ist Kerstin Ritter, Juniorprofessorin für Computational Neuroscience an der Charité Berlin, die mit Gästen aus verschiedenen Bereichen der Medizin und Medizininformatik spricht. Zeitweise wechselt sie sich mit Mike Bernd und Linos Ullmann vom KI-Campus, einer Lernplattform für Künstliche Intelligenz, sowie PhD-Studentin Marina Lex ab. Dr. med KI ist ein wachsender Podcast: Wie so viele andere auch in der Corona-Pandemie mit einfacher Technik gestartet, bis heute fortgeführt. Immer wieder gibt es neue Folgen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Expert:innen. Mal ist deutlich zu hören, dass sich die Teilnehmenden an unterschiedlichen Orten befinden, mal sind die Hosts vor Ort. So wie am Universitätsspital Basel, an dem sie verfolgen, wie 3D-gedruckte Schädelimplantate entstehen. Damit die perfekt passen und bei den Operationen nichts schiefläuft, arbeiten die Chirurg:innen unter anderem mit Mixed Reality – die Vorbereitungen laufen zum Teil immersiv, mit VR-Brillen und detaillierten Modellen. Seit der ersten Folge im Juli 2020 sind über 30 weitere Episoden dazugekommen. Insbesondere für die jüngste Staffel, im Winter 2024/2025 hochgeladen, sind fundierte Englischkenntnisse gut. Denn medizinische Forschung ist ein internationales Feld. G.S.L. Künstliche Intelligenz und Musik Ein Kooperations-Podcast der Körber-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg Wir wünschen uns intelligente Technik, die uns lästige Alltagsaufgaben abnimmt – und bekommen Systeme, die in kreative Branchen eindringen. Im von der Körber-Stiftung präsentierten Podcast „Künstliche Intelligenz und Musik“ ging Moderatorin Diana Huth 2023 genau solchen Beobachtungen nach. Es geht um Fragen wie: Kann KI komponieren? Oder nur kopieren? Worum geht es eigentlich, wenn wir Musik hören – und sie als schön empfinden? In insgesamt sieben Episoden spricht Huth mit Akteur:innen, die an musikalischer KI forschen, entwickeln und Projekte vorantreiben. So wie der Musikwissenschaftler Dr. Lars Schmedeke, der sich in seiner Dissertation mit dem Bass in moderner Tanzmusik beschäftigt und ihn dafür mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erforscht hat. Oder Rebecca Leger, Mitarbeiterin des Fraunhofer IIS, die den internationalen AI Song Contest mitorganisiert. Ursprünglich ist der Podcast begleitend zur Ausstellung „Can you hear it? – Musik und Künstliche Intelligenz“ entstanden. Die ist längst abgebaut, die immer wieder geäußerten Hinweise darauf sind hinfällig – die betrachteten Fragestellungen überhaupt nicht. Sie sind aktueller denn je. G.S.L. Better Than Human? Leben mit KI NANO Dokumentation in der 3sat-Mediathek verfügbar bis 23. Mai 2030 Seit Ende 2022 ist ChatGPT frei zugänglich und hat gezeigt, wie stark Künstliche Intelligenz die Welt verändern könnte. Aber kann KI auch unsere emotionalen Bezugspersonen ersetzen? Genau dieser Frage geht die rund 45-minütige Dokumentation „Better Than Human? – Leben mit KI“ nach. Anhand eines Experiments auf Basis von ChatGPT wurden in einer eigenen App drei KI-Charaktere erschaffen: ein „Pfarrer“, eine „Therapeutin“ und eine „beste Freundin“. Echte Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen testen die verschiedenen Ansprechpartner:innen, versuchen eine Bindung aufzubauen, sich Rat zu holen oder einfach nur zu reden. Darüber hinaus gibt die Journalistin Ciani-Sophia Hoeder einen Rahmen und Expert:innen, wie Psychologe Prof. Dr. Bertolt Meyer von der TU Chemnitz, sowie die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Prof. Dr. Alena Buyx, kommen zu Wort und schätzen die Arbeit der KI ein. Ein Einblick in eine Welt, die realer kaum sein könnte. Und dennoch wird deutlich, dass es am Ende keine einheitliche Antwort auf die Frage geben wird, ob eine KI Menschen ersetzen kann. I.W.
Auftakt Prof. Dr. Anne Paschke TU Braunschweig Digitalisierung ist kein rechtsfreier Raum. Kaum jemand weiß das besser als Prof. Dr. Anne Paschke, Direktorin des Instituts für Rechtswissenschaften an der Technischen Universität Braunschweig und Leiterin der Forschungsstelle Mobilitätsrecht. Außerdem hat sie die Koordination und Leitung des Forschungsverbunds „Ladenburg Kolleg“, an dem sieben Universitäten beteiligt sind, übernommen: Im Projekt „Technologische Intelligenz zur Transformation, Automatisierung und Nutzerorientierung des Justizsystems (TITAN)“ wird untersucht, ob Künstliche Intelligenz Funktionen im Justizsystem effizient erfüllen kann, sodass Grundrechte, Demokratie und Rechtsstaat gestärkt werden. Als Open AI im Dezember 2022 seinen Bot ChatGPT einführte, war die Neugierde riesig. Innerhalb von fünf Tagen griffen eine Million Nutzer:innen auf das öffentliche Large Language Model zu. Einen schnelleren Wachstum hatte bisher nur die Threads-App des Meta-Konzerns, sie erreichte den MillionenMeilenstein 2023 binnen zwei Stunden. Zum Vergleich: Facebook verzeichnete diesen Punkt 2004 erst nach 10 Monaten. QUELLE: doit.software/de/ Die Entwicklung im Bereich humanoider Roboter schreitet mit beeindruckender Dynamik voran. Das Kräftemessen zwischen den USA und China sowie Fortschritte im Bereich KI, der Batterieentwicklung und Mechanik befeuern die Performance der Men in Blech. Auf der automatica in München wurde im Juni deutlich, wie weit die Entwicklung bereits fortgeschritten ist. Bald sollen Roboter wie der 4NE-1 von Neura neben Produktionsaufgaben auch lästige Tätigkeiten wie Bügeln übernehmen. FOTOS TU Braunschweig, Neura STANDORT38 August 2025 8 ENTSCHEIDER:IN DES MONATS 08/2025 ZAHL DES MONATS 08/20255 BILD DES MONATS
Auftakt STANDORT38 9 August 2025 Bewirb dich jetzt für deinen Wunsch-Remote-Job auf job38.de! job 38 Your Work Life – Anywhere, Anytime!
Maschinen können weit mehr als nur rechnen - das ahnte man bereits vor rund 200 Jahren. Von der ersten Frau, die Generationen von Technikvisionären inspirierte, hin zu bahnbrechenden Ideen in den vergangenen Jahren und 15 der Unternehmen in der Region, die KI heute einsetzen: Unsere Redaktion wirft einen Blick auf die Künstliche Intelligenz im Wandel. KI-generierte Grafik via DALL-E, Prompt: Tanja Reeve Impuls 200 JAHRE INNOVATION 11 STANDORT38 August 2025
Impuls Tool Time Vor fast 200 Jahren ging die Britin Ada Lovelace davon aus, dass Computer eines Tages Musik komponieren könnten. Die Tochter Lord Byrons gilt als erste Person, die eine Software schrieb – und hat mit ihren Vermutungen über die Potenziale von Rechenmaschinen Recht behalten. Eine kurze Reise durch die Zeit … STANDORT38 12 August 2025 ▶ Von Gesa Lormis 1837 Der Cambridge-Professor Charles Babbage entwickelt das Konzept für eine Analytical Engine, für die Ada Lovelace 1843 eine Anleitung zur Berechnung von Bernoulli-Zahlen schreibt. Ihr Plan gilt als erste Software der Welt. Zu Babbages Lebzeiten konnte kein funktionsfähiges Gerät gebaut werden. | 1912 Der spanische Mathematiker Torres y Quevedo präsentiert einen Schachautomaten, der ein einfaches Endspiel – der weiße König und Turm setzten den schwarzen König Matt – bewältigt. Er war überzeugt, dass Automaten sich auf verändernde Situationen einlassen, Handlungen entsprechend anpassen und den Menschen alle Arbeit abnehmen könnten. | 1940er In Berlin-Kreuzberg stellt Konrad Zuse mit dem Z3 einen funktionsfähigen Computer – damals als elektrische Rechenmaschine bezeichnet – vor. Die Ein- und Ausgabe von Daten ist auf Zahlen beschränkt. Acht Jahre später kommt der erste Selbstbau-Computer – Simon – in den USA auf den Markt. 1950er Der Computer-Markt nimmt Fahrt auf. Der Siemens 2002 von 1959 gilt als einer der ersten in Serie gefertigten TransistorenComputer. Mit der Illiac Suite (String Quartet No. 4) veröffentlicht Lejaren Hiller eine Computer gestützte Komposition. Das Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence von 1956 gilt als Geburtsstunde des Forschungsfelds KI. | 1960er Hewlett-Packard (HP) wirbt im Magazin Science mit dem Begriff Personal Computer: „9100A puts answers just a touch away“, Antworten sind nur einen Klick entfernt. Technisch kopierte das System Ideen von Konkurrent Olivetti – HP wurde zu Strafzahlungen verurteilt. Während sich die meisten Hersteller auf Datentechniken für große Unternehmen konzentrieren, geht Heinz Nixdorf in Deutschland einen anderen Weg: Seine Rechner sind für KMU erschwinglich. Zwischen US-Universitäten entsteht der Vorläufer des Internets, die Welt erlebt ihre erste KI-Euphorie. | 1970er Intel beginnt mit der Serienproduktion von Mikroprozessoren, während Xerox einen Computer mit grafischer Benutzeroberfläche entwickelt. Damit bekommt auch die Maus – eigentlich schon 1968 erfunden – einen Einsatzzweck. Sowohl vom Preis, als auch von den Abmessungen werden Computer langsam für Privatpersonen interessant. 1980er Das Jahrzehnt der Heimcomputer: Epson bringt mit dem HX-20 einen batteriebetriebenen, tragbaren „Laptop“ raus, Microsoft arbeitet an einer grafischen Benutzeroberfläche – Windows 1. Programme wie Excel, Word und, in der Musikwelt, Finale revolutionieren ganze Arbeitsbereiche. | 1990er Musik wird immer digitaler. Ein vom Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltung sowie der Universität Erlangen entwickeltes Verfahren zur Kompression von Audiodateien erhält offiziell die Bezeichnung MP3. Der Schachweltmeister Garri Kasparow tritt mehrfach gegen den IBM-Computer Deep Blue an, seine Niederlage 1997 gilt als Meilenstein der KI-Entwicklung. | 2000er Wikipedia, Youtube, Skype und Facebook vernetzten Menschen auf eine neue Art und Weise. Musik wird massenhaft auf Datenportalen getauscht. Handys, wie das iPhone von Apple, entwickeln sich vom Kommunikationsgerät zum multifunktionalen Alleskönner – samt Medienwiedergabe und -aufzeichnung.
Impuls FOTOS photology1971 – stock.adobe.com, fabiomax – stock.adobe.com STANDORT38 13 August 2025 2010er Sprachassistenten wie Siri und Alexa verändern die Kommunikation zwischen Mensch und Computer, Streamingdienste werden zur Konkurrenz für das klassische, nun als linear bezeichnete, Fernsehen. Da auch Haushaltsgeräte vernetzt sind, setzt sich der Begriff „Internet der Dinge“ durch. Das Softwareunternehmen OpenAI widmet sich ab 2015 Künstlicher Intelligenz. Unser täglich Brot – Energieverbrauch im Vergleich ENERGIEVERBRAUCH FÜR EINE ANTWORT VON CHATGPT 2,9 Wh TÄGLICHE ANFRAGEN AN CHATGPT 1 Mrd. ENERGIEVERBRAUCH VON US-RECHENZENTREN 2023 176 TWh TÄGLICHE GOOGLE-SUCHEN 13,7 Mrd. ZWEI SCHEIBEN BROT TOASTEN 50 Wh TÄGLICHER BROTVERZEHR (IN DEUTSCHLAND) 3 – 4 Scheiben JÄHRLICHE STROMERZEUGUNG EINES DURCHSCHNITTLICHEN AKW IN DEN USA 8 – 12 TWh ENERGIEVERBRAUCH FÜR EINE GOOGLE-SUCHE 0,3 Wh 1 TWh = 1 Billion Wattstunden QUELLEN bestbroker.de, blog.google, Deutsches Brotinstitut, Lawrence Berkeley National Laboratory (CA), Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) gGmbH Was ist was … ChatGPT Ein bekannter Chatbot. GPT steht für Generative Pretrained Transformer – ein vortrainierter Transformer, der aus eingegebenen Daten neue Inhalte erstellen kann. Midjourney Programm für Text-zu-BildÜbersetzung: Aus geschriebenen Anweisungen entstehen Bilder. Jasper AI Automatisierte Texterstellung, ähnlich wie ChatGPT, doch zugeschnitten auf Marketing. Character.AI Interaktion mit KI-Charakteren/ Chat-Bots. Auch eigene Charaktere können erstellt werden. Veo3 Googles Video-KI generiert kurze Clips aus Text- und Bild-Anweisungen. Halluzinieren KIs generieren manchmal Informationen, welche plausibel klingen – aber falsch sind. Prompt Eingabeanweisung für KI-Modelle. Rebound Effect Eine neue Technologie spart Energie, doch wir nutzen sie so oft, dass am Ende mehr Energie verbraucht wird. Neuronales Netzwerk Künstliches Modell, das zur Datenverarbeitung menschliche Gehirnstrukturen nachahmt. GEO Kurzform von Generative Engine Optimization: Webinhalte für KI-gestützte Suchmaschinen optimieren. Computer Vision KI-Technologie, die es Computern ermöglicht, Informationen aus Bildern und Videos zu verarbeiten. LLM Steht für Large Language Model: Eine Art Künstliche Intelligenz, die dafür geschaffen wurde, Texte zu verstehen und zu generieren. Machine Learning KI-Teilgebiet, bei dem Systeme aus Daten lernen, ohne explizit dafür programmiert zu werden. Heute Generative KI-Anwendungen sind allgegenwärtig. Mit Anwendungen wie Suno, Udio oder Boomy werden auch musikalische Anfänger:innen zu Komponisten. 2020 findet in Europa der erste internationale AI Songcontest statt. Lagen in den Anfangsjahren der KI-Entwicklung Jahre zwischen einzelnen Schritten, sind es mittlerweile nur noch Tage. | In Zukunft In einem 2023 veröffentlichten Report geht die Unternehmensberatung McKinsey davon aus, dass generative KI ein Arbeitsproduktivitätswachstum von 0,1 bis 0,6 Prozent jährlich bis 2040 ermöglichen kann. In der gleichen Studie wird davon ausgegangen, dass die Hälfte der heutigen Arbeitsaktivitäten bis 2060 automatisiert werden können.
14 Intelligenzbestien 15 Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Projekte in der Region, die durch Integration von KI in ihre Prozesse Fortschritte erzielen und neue Lösungen für alte Probleme finden. 1 1 TU CLAUSTHAL Forschungsgruppen zu Machine Learning und KI in der Software-Entwicklung Die Schnittstellen von KI mit SoftwareEntwicklung und Cognitive Computing – also dem Simulieren menschlicher Denkprozesse – erscheinen sehr offensichtlich. Wie aber lassen sich diese Bereiche mit der Fähigkeit einer KI kombinieren, Probleme zu lösen? Die Forschungsgruppe Machine Learning am Institute for Software and Systems Engineering untersucht unter anderem die Architektur neuronaler Netzwerke, Entscheidungsfindungsprozesse Künstlicher Intelligenz und Argumentationsstrukturen in Large Language Models wie Chat-GPT. Die Forschungsgruppe „AI for Software and Systems Engineering“ konzentriert sich auf eben diese Modelle, um die Entwicklung eingebetteter Systeme und Software zu verbessern. ▶ Von Gesa Lormis & Torben Dietrich
Impuls FOTOS Thomas Ernsting/DLR, Christian Kreutzmann, Bernward Comes/FMN 15 STANDORT38 August 2025 4 liefert. Auch hier gilt: Je größer die Datenmenge, desto leistungsfähiger der Bot. LenqTec stellte das dazugehörige Ökosystem „k.Match“, zu dem der Chatbot gehört, auf der diesjährigen Hannover Messe vor. 3 EQUAL CARE INNOVATIONS Geschlechterspezifische Diagnostik und Therapie Die Probleme einer nicht-geschlechtsspezifischen Medizin rücken zunehmend ins öffentliche Bewusstsein. Die Symptome eines Herzinfarktes etwa sind bei Frauen andere als bei Männern. Dementsprechend leiden auch Diagnose und Therapie. Equal Care Innovations arbeitet daran, dass diese Versorgungslücke geschlossen wird. Dafür entwickelt das jüngst aus der Schweiz nach Braunschweig übersiedelte Start-up mit medENLIGHT eine digitale Plattform, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz geschlechtsspezifische Unterschiede in Diagnostik und Therapie berücksichtigt. Ärzt:innen erhalten dadurch individualisierte Empfehlungen auf Basis aktueller medizinischer Evidenz. 4 DER SCHMIDT KI-gestützte Reiseberatung „Die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Managing Director Philipp Cantauw. Aber dennoch: Das Reisebüro erprobt derzeit die Unterstützung von Reiseberater: innen in der Kundenkommunikation durch Künstliche Intelligenz, etwa bei der Beantwortung von Kundenfragen während der Aufzeichnung eines Gespräches. Der entscheidende Faktor sei die Datenmenge: Ist sie groß genug, könne man mit bestimmten Stellschrauben das Urlaubserlebnis für Kunden und Kundinnen noch individueller gestalten. Der Druck, Lösungen auf KI-Basis zu nutzen, sei hoch: „Wir haben einen Mangel an Nachwuchs-Fachkräften seit den CoronaJahren“, sagt Cantauw. 2 LENQTEC Chatbot für technische Problemlösungen Eine Menge Frust ersparen könne das Chatbot-System „k.content“, wenn es um den Zugang zu technischen Informationen in einer Firma geht, sagt LenQTec-Gründer Detlev Kutscher, und ergänzt: „Zeit und Geld ebenso.“ Die KI-Lösung ermögliche eine effiziente Aufbereitung dieses Wissens, indem sie sämtliche hinterlegte Daten zu Produktionsprozessen durchforstet und Fragen zu Problemlösungen und Fehlern – etwa bei der Bedienung von Maschinen – ▶ Das Simulatorzentrum des DLR-Instituts für Flugsystemtechnik in Braunschweig besteht aus zwei hochwertigen Anlagen zur Simulation von Flugzeugen und Hubschraubern sowie einer Passagierkabine mit virtueller Außensicht.
Impuls STANDORT38 16 August 2025 5 STRUBE D&S GMBH PhenoBot unterscheidet Rüben von Unkraut Ist das eine Rübe oder kann das weg? Auf den Feldern (nicht nur) unserer Region ist das eine wichtige Frage. Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz kann der PhenoBot diese Entscheidung treffen. Das autonom fahrende Fahrzeug mit Kamerasystem zur Bildanalyse von Pflanzen wurde von Saatgutspezialist Strube entwickelt. Er sei in der Lage, bei wiederholten Überfahrten jede einzelne Pflanze auf einer Feldparzelle wieder zu finden. Auf diese Weise können Entwicklung und Dynamik der Pflanzen verfolgt, untersucht und im Nachgang optimiert werden. 6 VOLKSWAGEN AI Lab: Inkubator für digitale Prototypen Die Nachfrage nach digitalen Services und Anwendungen im Fahrzeug auf dem weltweiten Automarkt – speziell in China – wirkt sich auf alle Hersteller aus. Der Volkswagen Konzern trägt dieser Entwicklung Rechnung und hat 2024 ein spezialisiertes „AI Lab“ gegründet. Dies soll neue Produktideen rund um KI generieren, unter anderem in den Bereichen Infotainment, Navigation, Spracherkennung und Einbettung in persönliche digitale Ökosysteme. So fährt seit rund einem Jahr in einigen Modellen das KI-Recherchetool ChatGPT mit, als Bestandteil des Sprachassistenten IDA. Das „AI Lab“ dient im Konzern als Inkubator für digitale Prototypen. Um die Dynamik der KI-Branche optimal zu nutzen, soll die „Zusammenarbeit mit Tech-Unternehmen zukünftig organisatorisch und auch kulturell noch einfacher“ gestaltet werden, sagte KonzernVorstandsvorsitzender Oliver Blume. Aber auch in der täglichen Produktion kommt KI immer häufiger zum Einsatz, etwa bei der Qualitätsüberwachung. 7 SALZGITTER MANNESMANN KI-Prozessanalyse aus Big Data Produktionsbetriebe wie Salzgitter Mannesmann stehen vor einer gewaltigen Herausforderung: Täglich fällt eine kaum zu fassende Datenmenge an – von Maschinendaten über Produktions- und Prozessinformationen bis hin zu Wartungs- und Qualitätsstatistiken. Die Flut an Parametern nimmt stetig zu. Die Salzgitter Mannesmann Forschung nutzt für das eigene Unternehmen sowie externe Kunden Statistik-Software und Methoden wie Künstliche Intelligenz, Deep Learning und neuronale Netze, um aus dieser riesigen Datenmenge gezielt Muster und Zusammenhänge herauszufiltern. Der Ansatz kombiniert also Data-Mining und Prozessanalysen, um aus Rohdaten wertvolle Erkenntnisse für die Optimierung von Prozessen und Maschinennutzung zu gewinnen. 8 DLR Testfeld für Autonome Fahrzeuge Die Teilnahme autonom fahrender Autos am Straßenverkehr scheint zwar noch in weiter Ferne, die Kundenbedürfnisse im Fahrzeug5 8
Impuls FOTOS Mueller-Jerxheim, Torben Dietrich, Kroesing Media Group/Dietrich Kühne, Christian Bierwagen STANDORT38 17 August 2025 markt unterliegen allerdings einem schnelleren Wandel als in den vergangenen Jahrzehnten. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig analysiert am Tostmannplatz in der Schuntersiedlung mit Sensoren und Kameras den Verkehr, um zu erfassen, wie sich realer und automatisierter Verkehr im Zusammenspiel verhalten. Unter anderem geht es um die Frage, wie die Sichtbarkeit verletzlicher Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer oder Fußgänger für automatisierte Fahrzeuge erhöht werden könne. Ähnliche Absicherungsverfahren werden heute bereits in der Luftfahrt und bei der Bahn genutzt. 9 H.C. STARCK TUNGSTEN GMBH Optimierung der Produktion Das Unternehmen aus Goslar produziert Wolframpulver für den Einsatz in der Öl- und Gasexploration. In den Produktionsprozessen gibt es so genannte „Bottlenecks“, also Anlagen mit hoher Auslastung an der Kapazitätsgrenze, die die Produktionskette verlangsamen oder blockieren können. „Durch den Einsatz von Machine Learning konnten wir die Durchsätze und Ausbeuten deutlich steigern, und diese Anlagen laufen nun wesentlich ruhiger und stabiler“, sagt Site Manager Juliane Saupe. Zudem hat H.C. Starck Tungsten zu Beginn dieses Jahres angefangen, KI auch in den Verwaltungsbereichen zu implementieren. 10 IAV Automotive in Lösungen für andere Branchen umsetzen Der Ingenieur- und Entwicklungsdienstleister IAV mit seinem größten Entwicklungsstandort in Gifhorn arbeitet eng mit Volkswagen, aber auch mit Partnern und Kunden aus der Agrar-, Energie- oder Rüstungsbranche zusammen. Als große Stärke sieht 9 CDO und CIO Saskia Kohlhaas die Fähigkeit, bestehende KI-Lösungen aus dem Bereich Automotive in Lösungen für andere Branchen umzusetzen. Intern werde tagtäglich mit einem spezialisierten IAV-Chatbot als Kollegen gearbeitet, um Prozesse digital zu entwickeln. Was unerlässlich ist, denn: „Auto wird Software“, sagt Kohlhaas. Die Trennung von Hard- und Software sei nicht mehr so eindeutig wie in der Vergangenheit. Für die unternehmensinterne KI, die dank der Zusammenführung immenser Datenmengen aus allen weltweiten Standorten und intelligenter Modifizierung enorm leistungsfähig sei, gewann ein IAV-Team den unabhängig vergebenen „Best Data Project Award“. 11 METALOGIE GMBH Software-Entwickler für Metall- und Baustoffbranche Die Metalogie GmbH ist ein Software-Entwickler für die Metall- und Baustoffbranche. Bei der Programmierung von SoftwareLösungen ist Künstliche Intelligenz ein fester Bestandteil. Nicht nur bei Routineaufgaben, auch bei Aufgaben wie der Bewertung alternativer Lösungsansätze, Übersetzung von Benutzeroberflächen und Dokumentationen leistet die KI Unterstützung – stets unter der finalen Kontrolle der Entwickler:innen. Chief Operating Officer Dr. Ulrike Pfannenschmidt: „Künstliche Intelligenz erleichtert uns die tägliche Arbeit, reduziert Fehlerquellen und spart wertvolle Zeit – ersetzt jedoch keinesfalls unsere engagierten Mitarbeitenden.“ 10
Impuls FOTOS TU Braunschweig, PTB STANDORT38 18 August 2025 12 TU BRAUNSCHWEIG Institute of Machine Learning and Artificial Intelligence Kein Institut kann es sich leisten, das Thema KI zu ignorieren. Doch hier geht es ums Grundsätzliche: Das kleine Team am Institute of Machine Learning and Artificial Intelligence erforscht, wie Kausalität – das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung – dazu genutzt werden kann, Künstliche Intelligenz robuster, verständlicher und sicherer zu machen. Dazu simulieren die Forschenden komplexe Systeme wie das Gehirn, wirtschaftliche oder industrielle Prozesse. Ein weiterer Schwerpunkt liegt darauf, generative KI-Systeme wie Text- und Bildgeneratoren durch Kausalität zu verbessern. Im Ergebnis könnten diese realistischere Inhalte erzeugen und „Was-wäre-wenn“-Szenarien entwickeln. Ziel ist es, verlässliche und verständliche Modelle für Experten und Entscheidungsträger bereitzustellen. 13 OSTFALIAHOCHSCHULE WERTIS-KI Fehlwürfe gibt es nicht nur beim Basketball, sondern auch bei der Mülltrennung. Etwa Konservendosen im Bioabfall. Oder Papier in der Wertstofftonne. Anders als diese Beispiele sind manche Fälle aber nicht so eindeutig. Wohin zum Beispiel mit Styropor? Für eben diese Fälle entwickeln Wissenschaftler: innen an der Ostfalia Hochschule eine App. Diese soll mithilfe Künstlicher Intelligenz Gegenstände oder Materialien erkennen und Entsorgungswege vorschlagen – was in der Aufbereitung Sortieraufwand sparen kann. 12 15 14 HZI Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Das Helmholtz-Institut in Braunschweig arbeitet gemeinsam mit Kolleg:innen aus Göttingen und Hannover an der Bewältigung von Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes und Alzheimer per KI. Dafür erforschen die Wissenschaftler die Verknüpfung von kausalen Methoden mit Forschungsdaten, klinischen Daten und Daten der Patientenversorgung. „KI könnte eine Schlüsselfunktion in der Qualitätssicherung werden. Zusätzlich zu eigenen Erfahrungen könnten wir menschenunabhängige Reflexion und Analysen einsetzen, um bessere Entscheidungen zu treffen“, sagt Dr. Thomas Jack von der Medizinischen Hochschule Hannover. 15 PTB Physikalisch-Technische Bundesanstalt Zu den wichtigen Anwendungsfeldern von Künstlicher Intelligenz in der Praxis gehören Medizin, autonomes Fahren und Robotik. „Auf all diesen Gebieten hat die PTB neben Grundlagenarbeit auch bereits als Vorreiterin praktische Werkzeuge entwickelt, um KI messbar und bewertbar zu machen“, erklärt PTB-Präsidentin Prof. Dr. Cornelia Denz. Das neue Kompetenzzentrum „KI und Metrologie“ bildet laut PTB seit 2025 einen vorgelagerten Knotenpunkt zu diesen Innovationsclustern. Es sind Institutionen wie die PTB, die bei der Umsetzung der technischen, normativen und operativen Anforderungen des EU AI Acts eine wichtige Rolle spielen. Durch ihre Arbeit tragen sie dazu bei, KI-Systeme sicher und vertrauenswürdig zu gestalten.geschraubt und gehämmert oder es werden an Spezialmaschinen Schadstoffe wie beispielsweise Quecksilber entsorgt. Am Ende stehen 35 verschiedene Wertstofffraktionen, die an Kunden zur Wiederverwendung verkauft werden.
Impuls STANDORT38 19 August 2025 HELMSTEDT GIFHORN WOLFSBURG WOLFENBÜTTEL BRAUNSCHWEIG GOSLAR SALZGITTER PEINE 1 6 10 9 4 11 7 15 2 14 13 8 5 3 12 TU Clausthal DER Schmidt Strube D&S GmbH Volkswagen IAV H.C. Starck Tungsten GmbH DLR TU Braunschweig Ostfalia- Hochschule Equal Care Innovations LenQTec HZI PTB Metalogie GmbH Salzgitter Mannesmann
Impuls „Der Mensch muss da sein, um zu denken“ STANDORT38 August 2025 Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, den Gesundheitssektor zu revolutionieren – von der Diagnostik bis zur Therapie ▶ Von Gesa Lormis Privatdozentin Dr. Alina Dahmen, seit vier Jahren als medizinische Direktorin am Klinikum Wolfsburg, sieht noch einen weiteren Aspekt: KI kann Mitarbeitende von administrativen Aufgaben befreien und ihnen Zeit fürs menschliche Miteinander geben. Als Fachärztin für Kardiologie, Innere Medizin und Notfallmedizin, mit einem Masterabschluss in Medizinökonomie und Habilitation im Bereich Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin, sieht sie den aktuellen Transformationsprozess aus verschiedenen Perspektiven. Moderne Patientenversorgung ist eine Herausforderung – für die jetzt Grundlagen geschaffen werden. Frau Dr. Dahmen, als medizinische Direktorin haben Sie vielfältige Aufgaben im Klinikum Wolfsburg. Welche Rolle spielt die Künstliche Intelligenz dabei? Man sollte meinen, Digitalisierung betrifft nur die IT-Abteilung. Das ist aber zu kurz gefasst. Uns geht es darum, dass wir Versorgung verbessern wollen. Wir wollen Patient:innen noch besser behandeln, Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende im medizinischen Bereich verbessern – Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, diese Ziele zu erreichen. Bevor wir noch tiefer einsteigen: Was ist Künstliche Intelligenz für Sie, was zählt dazu? Künstliche Intelligenz, ganz grundsätzlich, ist eine von Menschen programmierte Software, die auf Basis großer Datenmengen und vergangener Ereignisse Rückschlüsse auf die Zukunft zieht. Sie kann im administrativen Bereich angewendet werden oder in der Forschung und Entwicklung, Diagnostik, und auch therapieunter- ▶ Als medizinische Direktorin des Klinikums Wolfsburg ist Privatdozentin Dr. med. Alina Dahmen maßgeblich in die Entwicklung einer KI-Strategie für den Maximalversorger eingebunden. FOTOS Lars Landmann/Klinikum Wolfsburg, Darius Simka/regios24/FMN-Archiv, kevin galasso/SKBS
Impuls STANDORT38 21 August 2025 stützend. Sie kann Patient:innen dabei helfen, Krankheiten durch gesunde Verhaltensweisen vorzubeugen oder zu heilen. In der Medizin direkt kann sie beispielsweise helfen, Bildgebung zu analysieren und anhand von Gesichts- oder Spracherkennung Krankheiten zu erkennen. Allerdings haben Menschen Angst vor Künstlicher Intelligenz. Das stimmt. Patient:innen wollen nicht, dass Künstliche Intelligenz den Arzt ersetzt. Aber wir wissen auch, dass sie sich Unterstützung der Ärzte durch Künstliche Intelligenz wünschen. Deswegen müssen wir den Patient:innen ganz genau erklären, was wir vorhaben, wobei wir KI einsetzen und dass sie nicht den Arzt, die Ärztin, ersetzt. Gleichzeitig fehlen immer mehr Ärzt:innen … Aber es gibt Tätigkeiten, die können nur Ärzte und Personal: Gespräche mit Patient:innen führen, individuelle Risiken einordnen, Empathie zeigen, Gefühle übermitteln und aufnehmen – das können nur Menschen. Diese ganzen technischen Vorgänge drumherum – Anmeldung der Patient:innen im Krankenhaus, Aufnehmen der Hausmedikation oder die erste Aufklärung über Therapien – können mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erfolgen. Und die Mitarbeitenden machen das mit? Die müssen wir natürlich abholen, ihnen sagen: Wir wollen euch nicht ersetzen, sondern unterstützen, damit ihr das machen könnt, was ihr am besten könnt – bei den Patient:innen sein. Wir müssen Mitarbeitenden erklären, wie man Künstliche Intelligenz anwendet und wo die Grenzen sind. Denn es ist etwas völlig anderes, Künstliche Intelligenz fürs Online-Banking oder Shopping zu nutzen oder im medizinischen Kontext. Wir wissen auch aus Studien, dass Ärzte eher bereit sind, Künstliche Intelligenz anzuwenden, wenn sie wissen, dass Ärzte bei der Entwicklung mitgearbeitet haben. Sie vertrauen der Technik also eher, wenn sie mit fachlicher Expertise entwickelt wurde? Genau. Das ist eine Voraussetzung für die Anwendung. Auch spannend ist, das wissen wir ebenfalls aus Studien, dass Ärzte eher bereit sind, Künstliche Intelligenz anzuwenden, wenn es um sehr kritische Krankheitsbilder geht. Sie untermauern ihr Fachwissen durch eine breite Datenbasis. Die Künstliche Intelligenz lernt aus hinterlegten Patientendaten und -verläufen und gibt dann eine Prognose. Zum Beispiel vergleicht sie, wenn ein:e Patient:in zu uns kommt, seine Werte und Diagnosen mit denen ähnlicher Fälle und schlägt die Therapien vor, die in der Vergangenheit am besten gewirkt haben. Ist das rechtlich so einfach, die Daten zu nutzen? Der EU AI Act schließt doch Social Scoring aus – und das klingt ähnlich. Social Scoring heißt, dass man Menschen aufgrund irgendwelcher Merkmale irgendwo einordnet. Darum geht es gar nicht. In der Medizin erfolgt eine individuelle Bewertung auf Basis von Millionen von anonymisierten Daten einer Forschungsdatenbank, in die sämtliche Gesundheitsdaten in irgendeiner Form einfließen. Während Social Scoring eine Verwendung von Künstlicher Intelligenz mit nicht akzeptablem Risiko ist – der höchsten Risikoklasse des EU AI Acts, also verboten – , gilt für medizinische Produkte und Anwendungen die Hochrisiko-Kategorie. Es gibt ganz strikte Regularien. Es geht um Transparenz, welche KI angewendet wird, rechtssichere Dokumen- ▶ Im Einzugsgebiet des Klinikums Wolfsburg, hier ist der Eingangsbereich zu sehen, leben rund 180.000 Menschen. ▶ Die drei kommunalen Krankenhäuser in Wolfsburg, Wolfenbüttel und Braunschweig setzen sowohl auf strategischer als auch operativer Ebene auf Zusammenarbeit und Vernetzung. Im Juni 2025 gab es ein Treffen der Oberbürgermeister mit den Ärztlichen Direktoren und Vertretern der Pflegedirektionen.
STANDORT38 22 August 2025 tation, Qualitätsmanagement und Datenschutz. Damit eben keine Rückschlüsse auf einzelne Patient:innen möglich sind. Ein Kritikpunkt, den es geben könnte, ist die Abgrenzung zu nicht-medizinischen Produkten mit KI-Anwendung, die in die niedrigere Risikokategorie fallen. Die Unterscheidung ist nicht immer ganz klar. Seitens Unternehmer:innen hören wir eher: Der AI Act behindert den Einsatz von KI. Wie ist die Stimmung im medizinischen Sektor? Der medizinische Sektor hat andere Themen wie Krankenhausreform, Ambulantisierung und natürlich Versorgung. Wie kann ich weiterhin gute Versorgung, auch mit Hilfe von KI, anbieten? Der AI Act spielt für uns als Krankenhaus erst eine Rolle, wenn wir definiert haben, an welchen Einsatzbereichen wir Künstliche Intelligenz nutzen wollen. Der Act schafft erstmalig Regeln für die Anwendung von KI. Ob es nun insgesamt besser ist, sich erst Regeln zu geben und dann etwas zu machen oder umgekehrt, ist eine gesellschaftskritische Fragestellung. Wir haben diese Regeln für die Nutzung von KI nun, damit müssen wir umgehen – und können es auch. Das klingt sehr positiv. Natürlich sehe ich die Grenzen und Risiken. Aber ich sehe auch, dass wir im medizinischen Bereich so nicht weitermachen können. Es gibt immer mehr Menschen, deren Versorgung wir auf ihre Bedürfnisse anpassen müssen – seien das ältere Menschen, Menschen auf dem Land oder Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wir brauchen eine Idee, wie Medizin in Zukunft sein könnte. Und da geht es eben um Fachkräfte-Unterstützung, um Prävention und Versorgung. Damit wir dann, wenn jemand erkrankt, Ressourcen für genau die Therapie haben, die diese:r Patient:in braucht. Welche Nachteile kann der Einsatz von KI für die Mitarbeitenden haben? Ich denke, perspektivisch wird es kaum Nachteile geben. Die Mitarbeitenden berichten uns, dass sie nur noch wenig Zeit für die Patient:innen haben, weil sie immer mehr administrative Tätigkeiten ausführen. Gleichzeitig haben sie Angst: Wenn wir beispielsweise den Dienstplan per KI erstellen, braucht man mich überhaupt noch?! Da müssen wir vermitteln: Du bist wichtig und sollst hauptsächlich das tun, was nur du als Mensch kannst. Außerdem müssen sie ausgebildet werden, wie Künstliche Intelligenz ihnen hilft. Was geht und was nicht. Was sind Chancen? Was sind Risiken? Es ist ein langwieriger Prozess, bei dem man sich jetzt auf den Weg machen muss. Wie kommunizieren sie den KI-Einsatz an Patient:innen? Noch setzten wir keine KI ein. In den letzten Jahren lag unser Augenmerk auf der Digitalisierung. Das heißt: Keine Papierakte mit Stift und Zettel mehr, sondern digitale Patientenakten. Diese digitale Patientenakte ist nicht zu verwechseln mit der elektronischen Patientenakte. Wir sind dabei eine Strategie zu entwickeln: Wo kann uns KI unterstützen, was dürfen wir, was dürfen wir nicht. Und da hilft uns auch der Clinotel-Verbund. Ein gemeinnütziger Zusammenschluss eigenständiger Krankenhäuser aus ganz Deutschland, die voneinander lernen und gemeinsam Ideen für die Verbesserung von Versorgung und Qualität entwickeln. Die tatsächliche Nutzung von KI ist noch ein Zukunftsthema. Das klingt alles danach, als wäre KI primär ein Werkzeug für Diagnostik und Verwaltung. Wird sie auch irgendwann im Operationssaal eingesetzt? Ein OP-Roboter ist kein humanoider Roboter, sondern ein Gerät, dass die Instrumente hält und von einem Arzt oder einer Ärztin per Computer gesteuert wird. Unterstützt von einer Software, die Instrumente stoppt, wenn man zu nahe an vulnerable Strukturen kommt. Das ist eines der ersten Projekte, wo KI zum Einsatz kommen könnte – aber da steht der Robotics-Anteil im Vordergrund, nicht die klassische Künstliche Intelligenz. Insgesamt bleibt der Eindruck: Die größte Entlastung könnte es in der Verwaltung geben. ▶ Terminanfragen laufen in einigen Abteilungen des Klinikums Wolfsburg mittlerweile auch digital über die Webseite. ▶ Dr. Mignon-Denise Keyver-Paik (rechts), Chefärztin der Frauenklinik am Klinikum Wolfsburg, und Breast Care Nurse Maria Schwarze passen bei einer Brustkrebspatientin einen Kompressions-BH an. FOTOS Thorsten Eckert/Klinikum Wolfsburg, sarymsakov.com/AdobeStock/Klinikum Wolfsburg
STANDORT38 23 August 2025 Texte in Programme einzugeben, kann eine Künstliche Intelligenz übernehmen. Der Mensch muss da sein, um zu denken. Wenn Sachen eintippen wegfällt, betrifft das Berufsgruppen wie MTA, Medizinisch-technische Assistenten? Ja, auch deren Arbeit wird es erleichtern, aber nicht ersetzen. Denken Sie mal an früher, als es noch keine Versichertenkarten gab und die MTA alles aufgeschrieben oder eingetippt hat. So ist es auch mit Künstlicher Intelligenz. Ich kann mir vorstellen, dass ein Wettbewerb um die Arbeitsstellen einsetzen wird, die durch KI unterstützt werden. Können Sie sich auch vorstellen, dass neue Jobs entstehen? Mit Sicherheit. Die ganze Entwicklung muss ja irgendwer vornehmen. Was wir brauchen, sind vernetzt denkende Menschen, denn ein Software-Entwickler kennt die medizinischen Prozesse nicht – also müssen wir miteinander reden, um gemeinsam zu einer Lösung zu kommen. Gibt es nicht bereits entsprechende Studiengänge, die sich genau damit befassen? Ja, es gibt einige Studiengänge wie beispielsweise medizinische Informatik. Das ist auch eine Weiterbildung im ärztlichen Bereich. Welches KI-Tool wünschen Sie sich für Ihren Alltag? Es gibt einige Stellen, an denen KI eingesetzt werden kann. Wir als Krankenhaus wollen ihre Nutzung aktiv gestalten. Wir definieren unsere Bedarfe und unsere Strategie. Darüber hinaus bin ich sicher, wenn wir unsere Mitarbeitenden nach Ideen zum Einsatz der KI fragen, werden interessante Einsatzgebiete genannt. Die Mitarbeitenden wissen, was sie im Alltag belastet. Und das ist nicht die Arzt-Patienten-Kommunikation. Ich kann mir allerdings KI als unterstützend vorstellen, etwa bei der Aufklärung vor Eingriffen. Zum Beispiel kann es vor einer Magenspieglung ein KI-generiertes Video geben, das auf den individuellen Patientenfall zugeschnitten ist. … in einer verständlichen Sprache … Genau! Erst dann folgt das Gespräch und der Patient, die Patientin, kann genaue Nachfragen stellen. Für den Arzt wäre es eine Zeitersparnis und der Patient hat noch mehr ▶ Die Medizinische Klinik I – Kardiologie im Klinikum Wolfsburg – ist für die Qualität der perkutanen koronaren Intervention (PCI) ausgezeichnet. Zukünftig könnten Roboter die Ärzteteams unterstützen. ▶ Gold-Auszeichnung für die Aktivitäten in Sachen Händedesinfektion: Das Hygiene-Team des Klinikum Wolfsburg um Klinikhygienikerin Dr. Birgit Feier (links) und die Medizinische Direktorin Priv.-Doz. Dr. Alina Dahmen (rechts) präsentieren das Zertifikat.
STANDORT38 24 August 2025 Informationen, als wenn er nur durch einen Menschen aufgeklärt worden wäre. Ein weiteres Einsatzgebiet von KI sind Programme, die eine Anamnese schreiben, während Arzt und Patient:in sich noch unterhalten. Natürlich muss das der Arzt nochmal kontrollieren, aber während des Gesprächs muss er nicht parallel tippen, sondern kann sich auf den Patienten konzentrieren. Diesbezüglich wird sich unsere Versorgung in den kommenden Jahren komplett verändern. Und dafür müssen wir jetzt die Rahmenbedingungen schaffen. Welche ethischen Vorbehalte gibt es gegenüber KI im Krankenhaus? Es beginnt mit der Frage, was mit den individuellen Patientendaten gemacht wird. Sind die Daten wirklich pseudonymisiert? Wer darf die Daten überhaupt nutzen? Wer trägt die Verantwortung, wenn Künstliche Intelligenz für eine Therapieentscheidung genutzt wird: Der Arzt oder der Hersteller des Systems? Der AI Act ist die Basis der Klärung solcher Fragen. Außerdem gibt es Empfehlungen vom deutschen Ethikrat, schon aus 2023, zur Zusammenarbeit von Mensch und Maschine: Menschen müssen im Umgang geschult, Patient:innen aufgeklärt werden. Es muss sicher sein, dass die Datenschutzregeln eingehalten werden. Und wenn das alles gewährleistet ist, sollte und muss Künstliche Intelligenz eingesetzt werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Sie haben in einem Vortrag zum Thema Digitalisierung und KI im Krankenhaus über digitale Gesundheitskompetenz gesprochen. Was ist damit gemeint? Gesundheitskompetenz bedeutet, dass Menschen in der Lage sind, Gesundheitsinformationen zu sammeln, zu verstehen und anzuwenden. Hierzu gehört beispielsweise zu wissen, was passiert, wenn ich nur noch Fast Food zu mir nehme oder mich gesund ernähre. Oder: Ich habe Fieber, muss ich direkt in die Notaufnahme oder reicht erstmal ein Hausmittel? Digitale Gesundheitskompetenz bedeutet, dass ich in der Lage bin, digitale Tools zu verwenden, um meine Gesundheit zu unterstützen oder zu fördern. Krankenkassen sind verpflichtet, digitale Angebote zu machen – beispielsweise Apps auf Rezept. Noch ist die Nutzung solcher Apps nicht verbreitet, aber es wird kommen. Dazu kommen Telemedizin und digitale Sprechstunde als Teil einer digitalisierten Versorgung – das alles hat erst durch die Corona-Pandemie an Fahrt aufgenommen. Neben dem EU AI Act gibt es die Digitalstrategie der Bundesregierung. Wie bewerten Sie diese? Die vorhandene Digitalstrategie ist aus 2022 und von der vorherigen Bundesregierung erstellt worden. In dieser ging es primär darum, Arbeitsbedingungen für medizinische Fachkräfte zu verbessern und Ungleichheiten beim Zugang zu Versorgung zu verringern. Das sind alles gute Ideen gewesen. Und was hat sich konkret verändert? Strategie ist immer abstrakt, aber nun müssen Maßnahmen erfolgen. Eine ist, und das kommt aus dem Gesundheitsdatennutzungsgesetz als Bestandteil der Digitalisierungsstrategie, dass eine zentrale Forschungsdatenbank eingerichtet wird. Dort werden alle Gesundheitsdaten gebündelt und der Forschung zur Verfügung stellt. Eine weitere Maßnahme ist die flächendeckende Einführung der elektronischen Patientenakte. Momentan ist sie noch nicht so umgesetzt, wie es sein sollte – aber noch dieses Jahr sollen 80 Prozent aller gesetzlich versicherten Menschen die ePa nutzen. Das wäre schon ein Anfang. Es weiß kaum jemand, welche Vor- oder Nachteile sie hat … Richtig, beides muss klargestellt werden. Ein Vorteil ist zum Beispiel, dass alle behandelnden Ärzte die Krankheitsgeschichte und bisherige Medikamentenverordnungen sehen können. Etwaige Unverträglichkeiten können dokumentiert werden, sodass jeder neue behandelnde Arzt weiß, ob Medikamente gewirkt haben und vertragen wurden. Solche Informationen kann nicht jeder Patient nach langer Zeit erinnern und daher ist eine elektronische Speicherung von Bedeutung, auch zur Patientensicherheit. Patient:innen wissen wahrscheinlich oft genug nicht, was sie aktuell nehmen … Genau. Wenn diese Daten einmal zusammengeführt, die komplette Krankengeschichte zusammengefasst wäre, hätten wir einen riesigen Vorteil – auch in Notfallsituationen. Dazu kommt die Vermeidung von Doppeluntersuchungen: Gäbe es eine zentrale Speicherung, werden Ressourcen geschont und Patient:innen beispielsweise nicht unnötig einer Strahlenbelastung ausgesetzt. Und ▶ Seit 2024 ist Wolfsburg in der Medizin auch ein universitärer Forschungsstandort. ▶ Der NDR drehte für eine Reportage mehrere Tage in der Zentralen Notfallaufnahme (ZNA) des Klinikums Wolfsburg. FOTOS Klinikum Wolfsburg, Lars Landmann
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