STANDORT38 24 August 2025 Informationen, als wenn er nur durch einen Menschen aufgeklärt worden wäre. Ein weiteres Einsatzgebiet von KI sind Programme, die eine Anamnese schreiben, während Arzt und Patient:in sich noch unterhalten. Natürlich muss das der Arzt nochmal kontrollieren, aber während des Gesprächs muss er nicht parallel tippen, sondern kann sich auf den Patienten konzentrieren. Diesbezüglich wird sich unsere Versorgung in den kommenden Jahren komplett verändern. Und dafür müssen wir jetzt die Rahmenbedingungen schaffen. Welche ethischen Vorbehalte gibt es gegenüber KI im Krankenhaus? Es beginnt mit der Frage, was mit den individuellen Patientendaten gemacht wird. Sind die Daten wirklich pseudonymisiert? Wer darf die Daten überhaupt nutzen? Wer trägt die Verantwortung, wenn Künstliche Intelligenz für eine Therapieentscheidung genutzt wird: Der Arzt oder der Hersteller des Systems? Der AI Act ist die Basis der Klärung solcher Fragen. Außerdem gibt es Empfehlungen vom deutschen Ethikrat, schon aus 2023, zur Zusammenarbeit von Mensch und Maschine: Menschen müssen im Umgang geschult, Patient:innen aufgeklärt werden. Es muss sicher sein, dass die Datenschutzregeln eingehalten werden. Und wenn das alles gewährleistet ist, sollte und muss Künstliche Intelligenz eingesetzt werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Sie haben in einem Vortrag zum Thema Digitalisierung und KI im Krankenhaus über digitale Gesundheitskompetenz gesprochen. Was ist damit gemeint? Gesundheitskompetenz bedeutet, dass Menschen in der Lage sind, Gesundheitsinformationen zu sammeln, zu verstehen und anzuwenden. Hierzu gehört beispielsweise zu wissen, was passiert, wenn ich nur noch Fast Food zu mir nehme oder mich gesund ernähre. Oder: Ich habe Fieber, muss ich direkt in die Notaufnahme oder reicht erstmal ein Hausmittel? Digitale Gesundheitskompetenz bedeutet, dass ich in der Lage bin, digitale Tools zu verwenden, um meine Gesundheit zu unterstützen oder zu fördern. Krankenkassen sind verpflichtet, digitale Angebote zu machen – beispielsweise Apps auf Rezept. Noch ist die Nutzung solcher Apps nicht verbreitet, aber es wird kommen. Dazu kommen Telemedizin und digitale Sprechstunde als Teil einer digitalisierten Versorgung – das alles hat erst durch die Corona-Pandemie an Fahrt aufgenommen. Neben dem EU AI Act gibt es die Digitalstrategie der Bundesregierung. Wie bewerten Sie diese? Die vorhandene Digitalstrategie ist aus 2022 und von der vorherigen Bundesregierung erstellt worden. In dieser ging es primär darum, Arbeitsbedingungen für medizinische Fachkräfte zu verbessern und Ungleichheiten beim Zugang zu Versorgung zu verringern. Das sind alles gute Ideen gewesen. Und was hat sich konkret verändert? Strategie ist immer abstrakt, aber nun müssen Maßnahmen erfolgen. Eine ist, und das kommt aus dem Gesundheitsdatennutzungsgesetz als Bestandteil der Digitalisierungsstrategie, dass eine zentrale Forschungsdatenbank eingerichtet wird. Dort werden alle Gesundheitsdaten gebündelt und der Forschung zur Verfügung stellt. Eine weitere Maßnahme ist die flächendeckende Einführung der elektronischen Patientenakte. Momentan ist sie noch nicht so umgesetzt, wie es sein sollte – aber noch dieses Jahr sollen 80 Prozent aller gesetzlich versicherten Menschen die ePa nutzen. Das wäre schon ein Anfang. Es weiß kaum jemand, welche Vor- oder Nachteile sie hat … Richtig, beides muss klargestellt werden. Ein Vorteil ist zum Beispiel, dass alle behandelnden Ärzte die Krankheitsgeschichte und bisherige Medikamentenverordnungen sehen können. Etwaige Unverträglichkeiten können dokumentiert werden, sodass jeder neue behandelnde Arzt weiß, ob Medikamente gewirkt haben und vertragen wurden. Solche Informationen kann nicht jeder Patient nach langer Zeit erinnern und daher ist eine elektronische Speicherung von Bedeutung, auch zur Patientensicherheit. Patient:innen wissen wahrscheinlich oft genug nicht, was sie aktuell nehmen … Genau. Wenn diese Daten einmal zusammengeführt, die komplette Krankengeschichte zusammengefasst wäre, hätten wir einen riesigen Vorteil – auch in Notfallsituationen. Dazu kommt die Vermeidung von Doppeluntersuchungen: Gäbe es eine zentrale Speicherung, werden Ressourcen geschont und Patient:innen beispielsweise nicht unnötig einer Strahlenbelastung ausgesetzt. Und ▶ Seit 2024 ist Wolfsburg in der Medizin auch ein universitärer Forschungsstandort. ▶ Der NDR drehte für eine Reportage mehrere Tage in der Zentralen Notfallaufnahme (ZNA) des Klinikums Wolfsburg. FOTOS Klinikum Wolfsburg, Lars Landmann
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