Entscheider:innen „Eine der Besonderheiten ist das Verfahren, mit dem wir die Roboterhand trainieren. Wir wollten ein System für sich wiederholende Aufgaben, das jeder bedienen kann – ohne Programmierkenntnisse. Dafür haben wir ein intuitives Anlernverfahren mit einem Handschuh entwickelt, mit dem die Bewegungen direkt auf den Roboter übertragen werden“, erläutert Sören Michalik. Neue Maßstäbe bei Sicherheit und Belastbarkeit Eine weitere Innovation sind die Antriebe mit Kraftrückkopplung in den Gelenken. Durch diesen Mechanismus erkennt das System, wenn es an eine Kante stößt, und federt zurück. „Das vermindert nicht nur das Verletzungsrisiko bei der Interaktion zwischen Mensch und Maschine, sondern reduziert auch Schäden am System selbst“, ergänzt Sönke Michalik. Eine darauf abgestimmte Software steuert die Empfindlichkeit der Roboterhand gegenüber ihrer Umgebung. Bei der Entwicklung standen vor allem industrielle Anforderungen im Fokus – wie der Dauerbetrieb unter ständiger Belastung. Diese Erfahrung brachten die Brüder aus der RoboCup-Zeit mit: Die Motoren in den Robotergelenken brauchten ständige Betreuung, mussten gekühlt oder ersetzt werden, wenn sie überhitzten. „Wir wollten einfach etwas Robustes, das wirklich in der Industrie eingesetzt werden kann. Ansonsten sieht das immer für Messevideos gut aus, aber es ist nicht für den Dauereinsatz geeignet.“ Dass ihr Hand-Modell nicht nur robust, sondern auch optisch ansprechend ist, zeigte die diesjährige Automatica. Aeon Robotics war in zahlreichen Messebeiträgen zu sehen, und um ihren Stand habe es immer wieder Trauben an Menschen gegeben. 2022 gewannen sie in der Kategorie „Vision“ den Innovationspreis Niedersachsen sowie den Gründungspreis des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. 2023 folgspielsweise die Länge der mechanischen Glieder verändern, wäre viel schwerer vorherzusagen, welche Folgen bestimmte Bewegungen haben“, erklärt er. Eine clevere Lösung Die Gründer von Aeon Robotics stehen nicht allein in Braunschweig: Auch das Start-up „Form Hand“, ein Teil der Clavey Gruppe, beschäftigt sich mit innovativen Greiflösungen. Allerdings gehen diese einen völlig anderen Weg. Sie haben ein formbares Kissen entwickelt, das sich per Unterdruck an Werkstücke anschmiegt. Die MichalikBrüder und Lars Heim halten diese Idee für clever – sehen sich jedoch mit ihrer Roboterhand in einer ganz anderen Nische. Ihr Anspruch bleibt: Roboter zu entwickeln, die in einer von Menschen für Menschen geschaffenen Umgebung möglichst flexibel arbeiten können. Beispielsweise: Der HandEffector unterstützt an einem Tag in einem Serverraum bei Wartungsarbeiten, während er an einem anderen Tag Waren verpackt – ohne zusätzliche Werkzeuge. „Es gibt nur wenige industrietaugliche, humanoide Roboter auf dem Markt“, resümiert Lars Heim. Das Portfolio von Aeon Robotics besetze eben eine Nische zwischen teuren Forschungsprodukten und einfachen Industriegreifern. Der nächste Meilenstein für das Unternehmen steht bereits fest: Wachstum. „Zusätzlich zu dem Verkauf in Deutschland wollen wir auch internationalisieren, zumindest innerhalb Europas,“ sagt Heim. Die Hardware sei so weit ausgereift, im industriellen Umfeld eingesetzt zu werden, eine Finanzierungsrunde läuft und das Team sucht Verstärkung, um alle Anfragen zu bedienen. ten Auszeichnungen wie „Best of Technology“ der Wirtschaftswoche, und beim IHKTechnologietransferpreis standen sie im Finale. Nächste Schritte: Anwendung und Skalierung Nach den ersten Jahren voller Entwicklungen, Förderungen und Netzwerkarbeit fokussiert sich das Team nun darauf, den HandEffector in praktische Anwendungen zu bringen. Erste Kunden finden sich vor allem im akademischen Bereich: Universitäten wie die TU Braunschweig sowie Institute aus Bremen und Hamburg setzen die Roboterhand derzeit zu Forschungszwecken ein. Beispielsweise wird in Hamburg untersucht, wie Exoskelette menschliche Bewegungen unterstützen und physische Belastungen reduzieren können. Dafür ist es spannend, dass das System von Aeon Robotics seine Umgebung mit einbezieht und flexibel auf Widerstände reagiert – eine Kombination aus präzisen Sensoren und KI. Da ihr Greiff-Roboter Bewegungen nachahmen kann, sei es ein Leichtes, ihm neue Abläufe „anzutrainieren“. Das sei deutlich schneller und günstiger, als komplexe Programme für jeden einzelnen Gelenkablauf zu schreiben. Als Sönke Michalik den Roboter demonstriert, zeigt sich die direkte Verbindung zwischen Menschen und Maschine: Bei einem Schritt zur Seite kopiert es auch unbewusste Bewegungen. Für den 40-Jährigen kein Grund für Panik, die Pause-Taste ist schnell gedrückt. Aber das zeigt, warum die Maße der Roboterhand an menschliche Proportionen angelehnt sind: „Würden wir bei- ▶ Neben Balance halten gehört Greifen zu den kniffligen Herausforderungen der Roboterentwicklung. Die Roboterhand von Aeon Robotics gibt ein Feedback an den steuernden Handschuh, wie stark sie zugreift. STANDORT38 31 FOTOS Nico Mueller, P. Kleinschmidt/FMN
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