Entscheider:innen DER COMPUTER VON … Prof. Simona Silvestri Leiterin des Instituts für Raumfahrtsysteme an der TU Braunschweig ▶ Von Torben Dietrich Eine Astronautin werden, das wollte Simona Silvestri nicht. Aber ein Traum ging für die Wissenschaftlerin schon in Erfüllung, als sie den Start der Ariane-6-Rakete am 9. Juli 2024 verfolgte. Mit an Bord: Von ihr und ihrem Team bei der Ariane Group entwickelte Bauteile, ihre Ideen, ihre Forschung. „Als Kind war ich von den Sternen fasziniert und begann später ein Luft- und Raumfahrttechnik-Studium in Pisa“, erzählt sie. Weil ihr das aber zu theoretisch war, ging Silvestri anschließend nach Deutschland. Hier testet die Ariane Group in Lampoldshausen mit echten Raketen. „Wenn die starten, dann wackelt das Fenster, du kannst die Kraft fühlen. Und ich wollte nicht nur in die Sterne schauen - sondern einen echten Beitrag leisten, dorthin zu kommen!“ Mit Grenzen hält sich Silvestri nicht auf, weder in den Ambitionen, schon gar nicht in Gedanken: Wir müssen Strategien für lange Reisen ins All entwickeln, sagt sie. Mit anderen Worten: Der Mars ist das langfristige Ziel. Was man sonst gelegentlich aus dem Mund von Elon Musk hört, ist für Silvestri ebenfalls erstrebenswert. „Und meine Forschung soll den Weltraum zugänglicher machen.“ Das Besondere ist, dass sie diese Worte nicht in einem modernen, vielleicht glänzenden „Innovation Centre“ im Silicon Valley, der ESA oder einem mit hundert Bildschirmen bestückten Raum spricht. Das Institut für Raumfahrtsysteme der TU Braunschweig liegt direkt hinter der Böschung der Autobahn A2 in einer ehemaligen Kaserne, hat einen etwas stickigen Keller und ein dem Aussehen nach rund 30 Jahre altes Kabeltelefon, über das sich Besuch anmelden soll. Dass Silvestri sich im Mai 2023 entschied, diese weniger glamouröse Umgebung einem Job bei Ariane oder Airbus Defense and Space vorzuziehen, hat gute Gründe: Hier kann sie freier forschen und selbst dazulernen, sagt sie. Hier hat sie hochmotivierte Studierende, hier stehen selbst gebaute kleine Raketen im Keller an Wände gelehnt oder hängen unter der Decke. Außerdem hat Silvestri mit diesen Braunschweiger Wissenschaftlern im Vorfeld sehr gute Erfahrungen gemacht. „Ich habe sie als professionelle, kompetente und zuverlässige Partner in einem internationalen Kooperationsprojekt kennen gelernt.“ Überhaupt, die interne und externe Kooperationsfähigkeit sei aus ihrer Sicht eine der großen Stärken der TU. Ein Hauptziel der Arbeit am Institut für Raumfahrtsysteme ist es, Raketenmotoren einfacher und effizienter zu gestalten. Momentan ist es so, dass eine große Rakete eine bestimmte Last, etwa einen Satelliten, in eine Umlaufbahn bringt. „In Zukunft wird eine Rakete aber Raumfahrzeuge von einem Orbit in einen anderen bringen, oder zum Mond und weiter“, sagt Silvestri. Um diesen Menschheitstraum verfolgen zu können, braucht es vor allem zweierlei: Eine Infrastruktur und neue Treibstoffe. Noch haben die meisten Raketen Hydrazin in ihren Tanks, ein toxischer Treibstoff mit aufwändiger Handhabung. Andere, so genannte kryogene Treibstoffe, könnten die Lösung sein. Die Hauptkomponenten sind Methan/Wasserstoff und Sauerstoff. Diese seien effizienter und verbrennen heißer, erklärt Silvestri. Denkbar seien zudem Treibstoffdepots für Raumfahrzeuge in der Mondumlaufbahn, etwa bei der geplanten internationalen Raumstation „Lunar Gateway“. Oder, sagt sie, die Herstellung dieser Treibstoffe direkt im Orbit. Silvestri beschreibt die Herausforderungen. Es geht um Thermophysische Probleme, Aggregatzustände und wiederzündbare Triebwerke. Das klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch. Es ist Raketenwissenschaft. FOTO Torben Dietrich STANDORT38 43 August 2025
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