Der Rudolstädter Archivar Frank Esche ist das literarische Aushängeschild Rudolstadts, wenn es um die Aufarbeitung von historischen Fallakten rund um „Wahre Mordfälle“ geht. Viele Jahre arbeitet er als Diplomarchivar im Thüringischen Staatsarchiv Rudolstadt. Er hat bis heute 101 Fälle bearbeitet, neu aufgerollt und diese auf 1250 Buchseiten seiner Thüringer Mord-Pitavals veröffentlicht. Bei seinen Präsentationen und Lesungen laufen den Gästen gewöhnlich kalte Schauer über den Rücken – denn die Gräueltaten werden nicht beschönigt. Im mittlerweile vierten Sachbuch hat Esche 27 spektakuläre Kapitalverbrechen zusammengetragen. Tatorte: die ehemaligen Bezirke Erfurt, Gera und Suhl. Seine Grundlage sind keine Legenden oder literarische Ausschmückungen, sondern Originalakten aus Archiven. „Das sind keine Romane“, betont Esche. „Das sind exakt rekonstruierte Fälle.“ Die Bandbreite ist verstörend: Raubmorde, Doppelmorde, Sexualverbrechen. Taten, die früher schlicht als „erschreckliche Übeltaten“ bezeichnet wurden – und die heute noch erschüttern. Doch Frank Esche geht es um mehr als Nervenkitzel. Seine Arbeit ist auch ein Blick in die deutsche Geschichte. Die Fälle reichen von der Zeit der Weimarer Republik über die NS-Diktatur bis in die DDR. Sie erzählen von Justizsystemen, die über Leben und Tod entschieden – und von Todesurteilen, die heute kaum vorstellbar sind. Was die Fälle so beklemmend macht: Ihre Motive sind zeitlos. Die Taten und die Motive der Mörderinnen und Mörder sind wie ein Spiegel ins heute und jetzt. Hass, Rache, Liebe, Eifersucht. Aber auch Existenzängste, sozialer Abstieg, Verzweiflung. Die Täter stammen aus allen Schichten. „Vom angesehenen Bürger bis zum angeblichen Taugenichts ist alles dabei“, sagt Esche. Oft sind es keine Fremden, sondern Menschen aus dem engsten Umfeld: Ehepartner, Verwandte, Nachbarn. Und manchmal trifft es völlig Unbeteiligte. Die Tatmittel? So banal wie brutal: Pistolen, Äxte, Rasiermesser. Oder Gift, ein Seil und bloße Hände. Oftmals sind es Familiendramen, die sich im Vorfeld abspielen. Im Ergebnis kommt es dann zum „Doppelmord für eine Hochzeit“, „Die Ehefrau stand im Weg“ oder zum „Totschlag in einer völlig zerrütteten Ehe“. In anderen Kriminalfällen kommt es zum „Doppelmord in einer Rudolstädter Gaststätte“, wird eine „Weibliche Leiche im Wasser bei Trusetal“ entdeckt oder es geht um den „Schnürsenkelmord in Nohra“. Die Fälle im Mord-Pitaval sind nicht einfach die Wiedergabe der Akten, bei denen der Leser starke Nerven haben muss. Aufgezeigt wird, wie es zu den Mordumständen kam, wie die Ermittlungen und Prozesse verliefen, das Urteil ausfiel und es geht um das Schicksal der Mörder. Oftmals war der Prozess von der Tat, über die Ermittlungen, Forensik bis zum Urteil viel, viel kürzer als in der heutigen Zeit. Manchmal wurde einfach „kurzer Prozess“ gemacht „Ein besonderer Punkt sind immer die Hinrichtungen. Hier gab es auch manchmal Pannen. Beispielsweise hat das Fallbeil nicht die richtige Stelle getroffen…“. Darüber hinaus haben viele der geschilderten Fälle Rechts- und Kriminalgeschichte – weit über Deutschland hinaus – geschrieben. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Diese Geschichten sind alt. Ihre Abgründe sind es nicht. Andreas Abendroth Foto: Andreas Abendroth Kalte Schauer aus den Archiven Spektakuläre Mordfälle von Frank Esche recherchiert 10
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