1250 Jahre Rudolstadt

12 Seit 21. August dreht sich in Rudolstadt wieder alles um das Vogelschießen. Nur noch bis zum 30. August lockt das 304. Rudolstädter Vogelschießen Gäste aus nah und fern auf die Bleichwiese. Thüringens größtes Volksfest bietet nicht nur Fahrgeschäfte, Buden und kulinarische Genüsse, sondern auch ein Stück lebendige Geschichte. Die Wurzeln des Festes reichen mehr als 300 Jahre zurück. Am 28. August 1722 wurde das Vogelschießen erstmals gefeiert. Schützen, Gaukler und Musikanten unterhielten die Besucher, später kam das „fahrende Volk“ hinzu – die Vorläufer der heutigen Schaustellerfamilien. Schon damals gehörten gutes Essen, Tanzveranstaltungen und Feuerwerk zum Festvergnügen. Wie das Vogelschießen Theatergeschichte schrieb Für Rudolstadt hat das Vogelschießen eine Bedeutung, die weit über das eigentliche Volksfest hinausreicht. Es spielte eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Rudolstädter Theatertradition. Im Jahr 1792 ordnete Fürst Friedrich Karl von Schwarzburg-Rudolstadt den Bau eines Komödienhauses an. Während des Vogelschießens sollte es den Bürgern Bildung und Kultur bieten. Bereits ein Jahr später wurde das Theater eröffnet. Wie viel Rudolstadt zu dieser Zeit kulturell zu bieten hatte, zeigt auch ein Blick auf die prominenten Gäste des Festes. Johann Wolfgang von Goethe reiste mit seiner Weimarer Schauspieltruppe an, die damals zu den bedeutendsten Bühnenensembles Deutschlands zählte. Goethe selbst übernahm 1794 sowie von 1796 bis 1803 die Intendanz des Rudolstädter Theaters. Damit wurde die Stadt zu einem wichtigen Schauplatz der deutschen Theater- und Literaturgeschichte. Hier begegneten sich Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe am 7. September 1788 zum ersten Mal persönlich. Doch auch abseits der Bühne sollen die beiden Dichter das Volksfest genossen haben. Der Überlieferung zufolge schlenderte Goethe besonders gern über den Festplatz – mit einem Mädchen aus dem Volk an der einen und einer Bratwurst in der anderen Hand. Schiller wiederum war Mitglied der Rudolstädter Schützengilde. Die besondere gesellschaftliche Bedeutung des Festes fasste er 1788 in einem Satz zusammen: „Das Vogelschießen ist die einzige gesellschaftliche Anstalt im Jahr für den Hof und seine Stadtleute.“ Das Volksfest zieht um Im Laufe seiner Geschichte wechselte das Vogelschießen seinen Standort. Bis 1952 wurde auf dem Oberanger gefeiert, unmittelbar neben dem Theater. Seit 1953 findet das Fest auf der Bleichwiese statt. Dort entwickelte es sich zu einem der beliebtesten Volksfeste der ehemaligen DDR. Einen weiteren Entwicklungsschub brachte 1996 die Vergrößerung des Festplatzes. Seither sorgt die Mischung aus traditionsreichen Schaustellerbetrieben, modernen Fahrgeschäften und immer neuen Attraktionen für ein abwechslungsreiches Angebot. So ist das Rudolstädter Vogelschießen heute vieles zugleich: Volksfest und Familientradition, Jahrmarkt und Kulturgeschichte, Nostalgie und moderne Unterhaltung. Was 1722 mit Schützen, Gauklern und Musikanten begann, ist längst untrennbar mit Rudolstadt verbunden – und hat auch nach mehr als drei Jahrhunderten nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Andreas Abendroth Das Rudolstädter Vogelschießen in einer historischen Ansicht. Foto: Stadt Rudolstadt Mehr als Bier, Musik und Fahrgeschäfte Blick über das Rudolstädter Vogelschießen auf der Bleichwiese 2025. Foto: Andreas Abendroth

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