Das 3:2 in Paderborn am drittletzten Spieltag war gerade wenige Minuten vorbei, die Fans des FC Schalke 04 besangen draußen noch den „Mythos vom Schalker Markt“, als ganz still und leise einer allen Reportern im Bauch der Arena vorbeiging, der am liebsten nicht gesehen werden wollte. Der nicht danach aussah, als wäre gerade die Entscheidung im Aufstiegskampf gefallen. Lächelnd winkte Frank Baumann Interviewanfragen ab. Die Mannschaft stünde ja im Mittelpunkt, sagte er und ging. Dabei ist er der Architekt des Erfolgs. Als Baumann am 1. Juni 2025 seinen ersten Arbeitstag hatte, lag Schalke 04 am Boden, hatte die schlechteste Saison der Vereinsgeschichte hinter sich, war zweimal in Folge dem Abstieg in die Drittliga-Bedeutungslosigkeit knapp entronnen. Die Stimmung im Klub: zerrüttet. Das Verhältnis zwischen Fans und Mannschaft: nicht mehr existent. Es war genau diese Herausforderung, die Baumann reizte, seine selbst verordnete einjährige berufliche Auszeit zu beenden. Von 1999 bis 2024 hatte er mit seiner Familie in Bremen gelebt, war beim SV Werder erst Spieler (bis 2009). Er führte sein Team 2004 zum Double, wurde von den Mitgliedern später zum Ehrenspielführer ernannt. Nach einer kurzen Auszeit übernahm er ab 2010 fast sämtliche Positionen außerhalb des Platzes bis zum Geschäftsführer Sport. Nach seinem Aus im Juni 2024 legte er erneut eine Auszeit ein und wollte er eigentlich keinen Profiklub mehr übernehmen. Er hatte andere Pläne für seine berufliche Zukunft. Bis Schalke anrief. Baumann ließ sich sofort auf Schalke und das Ruhrgebiet ein, verkaufte sein Haus in Bremen, zog mit seiner Frau ins Ruhrgebiet – seine Kinder sind längst erwachsen. Auf der Geschäftsstelle verschaffte er sich einen Überblick, lernte viele Schalker kennen. Schnell hob er die Zusammenarbeit mit dem zu diesem Zeitpunkt stark kritisierten Vorstand und Aufsichtsrat hervor, lobte die Professionalität. Die Fans, die Baumann traf, baten ihn um eine ruhige Saison irgendwo zwischen den Plätzen 8 und 12. Bloß kein Abstiegskampf. Parallel machte sich dann an die schwierige Aufgabe, einen neuen Trainer zu finden. Und gegen einige Widerstände setzte er die kostspielige Verpflichtung von Miron Muslic durch. „Miron wer?“ fragten fast alle Schalker. Rund 700.000 Euro ließ sich Baumann Muslics Verpflichtung kosten, dabei war der gerade mit Plymouth Argyle in die dritte englische Liga abgestiegen. Baumann musste Überzeugungsarbeit leisten. Doch Muslic wurde zum Volltreffer. „Mit seiner methodischen Fachkompetenz bringt Miron etwas ganz Wichtiges mit für den Fußball, den wir spielen wollen. Auch als Persönlichkeit besitzt Miron Eigenschaften, die uns helfen“, Gemeinsam auf dem Weg nach oben: Frank Baumann (r.) und Miron Muslic. Im Austausch: Youri Mulder (l.) und Frank Baumann. FOTOS: FIRO (2) sagte Baumann bei Muslics offizieller Vorstellung. Schon in der Vorbereitung riss Muslic Schalke mit, der 2:1-Auftakt gegen Hertha BSC wurde zu einer Versöhnung zwischen Mannschaft und Fans. Die Hinrunde: ein Höhenflug. Schalke sicherte sich vorzeitig die Herbstmeisterschaft, ganz weit von den Plätzen acht bis zwölf entfernt. Und als Strippenzieher im Hintergrund baute Baumann behutsam seine Führungsebene um. Er schmiss Kaderplaner Ben Manga raus, installierte in der Winterpause 2025/2026 Maximilian Lüftl als Nachfolger. Und sukzessive erhielt auch die Mannschaft ein neues Gesicht. In der Winter-Transferperiode im Januar 2026 gelang Baumann und Lüftl das Kunststück, fünf Volltreffer zu verpflichten: Dejan Ljubicic, Adil Aouchiche, Moussa Ndiaye und Kevin Müller schlugen voll ein – und noch mehr Torjäger-Idol Edin Dzeko. Baumann hatte das Glück des Tüchtigen, diesen Wechsel hatte Dzeko selbst initiiert. Muslic erfand Schalke dank der BaumannTransfers neu, sein Team spielte nicht mehr defensiv, sondern offensiv. Und die Euphorie wurde von Woche zu Woche größer. Den Aufstieg in die Bundesliga machte Schalke frühzeitig perfekt. Baumann aber ließ sich nicht zu sehr von der Euphorie anstecken. Die nächste große Herausforderung hat für ihn bereits begonnen. Nach dem Aufstieg ist vor dem Klassenerhalt. Die finanziell angeschlagenen Schalker können ihre Lage nur verbessern, wenn sie dauerhaft erstklassig spielen. Baumanns Aufgabe: den Trainer halten, die Achse halten, die Breite im Kader verbessern. Doch so ruhig er auch wirken mag: Den Aufstieg genoss auch er in vollen Zügen. Es war vor allem sein Aufstieg. Auch wenn er das so niemals sagen würde. DER STILLE ARCHITEKT
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