28 STEGLITZER KREISEL „Wenn es in Berlin mit marktgerechten Dingen zuginge, wäre die Erfolgsarchitektin Sigrid Kressmann-Zschach mit ihrem Steglitzer Kreisel vermutlich am Ende,“ schrieb der „Spiegel“ im Jahr 1973. Doch in der Hauptstadt der Immobilienspekulation hielt man an dem Prestigebau im Südwesten fest – koste es was wolle. Für den Berliner Landeshaushalt wurde der Steglitzer Kreisel ein Fass ohne Boden: Knapp ein Viertel der veranschlagten Baukosten in Höhe von 180 Millionen sollten aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, ein weiteres Viertel wollte die Berliner Industriebank AG aus Berlin-Hilfe-Mitteln beisteuern. Zudem stellte der Senat 33 Millionen Mark als Zins- und Tilgungshilfe zur Verfügung. Es half alles nichts: Die erhofften Interessenten blieben aus und SKZs Bauträgergesellschaft meldete 1974 wegen steigender Kosten Insolvenz an. Steglitzer Kreisel: Der Turm wird das erste Mal zu einem Lost Place Über eine leichthin vergebende Bürgschaft in Höhe von 42 Millionen Mark stolperten Finanzsenator Heinz Striek (SPD) und Bausenator Rolf Schwedler (SPD). In der „Kreisel-Affäre“ ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Betruges – stellte die Ermittlungen aber 1975 ein. Die Bauarbeiten am Kreisel waren unterdessen seit 1972 zu einem Stillstand gekommen. Der skelettierte Turm ohne Außenfassade erinnerte die Steglitzer an geplatzte Erwartungen. Das Land verlor mehr als 40 Millionen Mark, die es als Berlin-Kredit gewährt hatte, musste die Bürgschaft für mehr als 30 Millionen Mark einlösen und hatte eine weitere Investitionszulage aus Steuergeldern in Höhe von 22 Millionen Mark gewährt. Zwischenzeitlich wurde sogar eine Sprengung der Bauruine erwogen, um die laufenden Kosten zu minimieren, bis sich 1977 mit der Immobilienfirma „Becker & Kries“ ein neuer Gesellschafter für das Bauprojekt fand. Bis 1980 wurde der Turm – nach zwölf Jahren Bauzeit – fertiggestellt. Die Kosten für den Kreisel waren auf 323 Millionen Mark angewachsen, und statt der erhofften Bürovermietung bezogen die Mitarbeiter des nahegelegenen Bezirksamtes den Koloss von Steglitz. Steglitzer Kreisel: Asbestfunde besiegeln das Schicksal des Büroturms Das Steglitzer Bezirksamt – seit der Verwaltungsreform 2001 Steglitz-Zehlendorf – bezog mit rund 750 Mitarbeitern 25 Etagen im Steglitzer Kreisel. Die drei oberen Geschosse des Hochhauses waren für die Gebäudetechnik reserviert. Die 24. Etage war komplett durch die geräumige Kantine belegt, von der man bei klarer Sicht einen außergewöhnlichen Blick auf die Berliner Innenstadt genießen konnte. Im Erdgeschoss befand sich das Foyer. Etwa ein Drittel der Fläche der einzelnen Geschosse war für Fahrstühle, Flure, Toiletten und Versorgungseinrichtungen reserviert. 1990 kaufte der Bezirk den Steglitzer Turm für 67 Millionen D-Mark. Der Sockelbau verblieb bei der Immobilienfirma „Becker & Kries“. Dass es ein Asbestproblem in den Fluren und Luftschächten des Amtsgebäudes geben könnte, ahnte man da bereits. Wenige Wochen nach dem Kaufabschluss, wurde die Schadstoffbelastung offiziell bestätigt: Der Turm war durch und durch mit der hochgefährlichen Faser verseucht. Steglitzer Kreisel: Leerstehende Ruine seit den 2000er-Jahren Statt einer kostenintensiven Sanierung schlug man sich in den Folgejahren mit Steglitzer Kreisel: Insolvenz und Skandale gehörten zu seiner Geschichte Foto: picture-alliance/Tagesspiegel | picture-alliance
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