Vergessene und geheime Orte TEIL 2 LOST PLACES BERLIN Foto: pixabay
2 LOST PLACES BERLIN TEIL 2 Liebe Leserinnen und Leser, Berlins Lost Places sind stille Zeitzeugen einer bewegten Geschichte – verlassene Fabriken, verfallene U-Bahn-Schächte und alte Militäranlagen, die inmitten der modernen Stadtlandschaft eine eigene Welt bilden. Diese Orte sind mehr als Ruinen: sie erzählen von vergangenen Epochen und der unaufhaltsamen Veränderung, die Berlin geprägt hat. In dieser Ausgabe nehmen wir Sie mit auf Entdeckungstour zu geheimen Ecken. Wir zeigen Ihnen nicht nur die Geschichte hinter den Mauern, sondern auch die Faszination, die diese vergessenen Orte heute ausstrahlen. Lassen Sie sich von der Magie der Lost Places mitreißen und entdecken Sie die vergessenen Geschichten Berlins. Ihre Redaktion IMPRESSUM FUNKE Medien Berlin GmbH Vertretungsberechtigte Geschäftsführer: Simone Kasik, Christoph Rüth, Görge Timmer Verantwortlich für den Inhalt des Hauptheftes: Gilbert Schomaker Verantwortlich i. S. v. § 18 Abs. 2 MStV fü r dieses Dossier: Gilbert Schomaker Redaktion: Michael Bee Amtsgericht Charlottenburg HRB 866 B USt.-Idnr. DE 812 997 374 Gestaltung und Umsetzung: FUNKE Redaktions Services Stand: März 2025
3 AUS DEM INHALT GEISTERSTADT Seite 18 - 23 SCHWIMMHALLE PANKOW Seite 30 - 31 BERLINER RUINE Seite 16 - 17 STEGLITZER KREISEL Seite 26 - 29 PANKOWS RUINE Seite 14 - 15 ATOMBUNKER Seite 24 - 25 MYTHOS GRUNEWALDTURM Seite 10 - 13 TEUFELSBERG Seite 4 - 9 Foto: FUNKE Foto Services | Joerg Krauthoefer
4 TEUFELSBERG Die „Field Station Berlin“ auf dem Teufelsberg wurde seit Anfang der 1960er-Jahre errichtet. Lange Zeit war sie ein blinder Fleck auf den Stadtkarten (West-)Berlins. Aus gutem Grund: Die Radaranlage diente jahrzehntelang als Abhörstation, mit der die US-Geheimdienste minutiös verfolgten, was hinter dem Eisernen Vorhang geschah. Ein steingewordener Lauschangriff auf die Operationen und militärischen Aktivitäten im Ostblock. Nach der Von Kerstin Heinrich Die Abhörstation auf dem Teufelsberg ist Berlins bekanntester Lost Place. Was ist das für ein Ort – und warum wurde er zur Ruine? Wiedervereinigung und dem Abzug der US-Armee 1994 verfielen die Gebäude der Radarstation Teufelsberg zu einer modernen Ruinenlandschaft. Die wichtigsten Infos zu einem von Berlins berühmtesten Lost Places. Wo liegt die Abhörstation Teufelsberg genau? Das Areal der Abhörstation liegt im Grunewald an der Teufelsseechaussee 10 im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten für das Objekt lauten: F6WQ+VV Berlin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Gelände am besten vom S-Bahnhof Heerstraße (S3, S9) zu erreichen. Von der S-Bahnstation ist es ein rund 30-minütiger Fußweg entlang der Teufelsseechaussee bis zu der Abhörstation auf dem Teufelsberg. Mit dem Auto kann man bis zur Auffahrt des Berges fahren. Gleich nachdem man Was tun mit einer ungenutzten Abhöranlage? Eine Frage, die sich das Land Berlin und Investoren seit dem Abzug der Alliierten in den 1990er-Jahren stellten. BERLINS BERÜHMTESTE RUINE: WAS PASSIERTE AUF DEM TEUFELSBERG? Foto: picture alliance / travelstock44 | Jürgen Held
5 rechts die Teufelsseechaussee bergauf abgebogen ist, befindet sich ein kostenloser Schotterparkplatz. Von dort sind es noch rund zehn Minuten zu Fuß bis zum Eingang des Geländes. Ausgangslage: Stationierung der US-Armee im Südwesten Berlins Die Präsenz der US-amerikanischen Besatzungsmacht in Berlin von 1945 bis zum Abzug der Streitkräfte 1994 hat das Stadtbild und das Leben der Bevölkerung geprägt. Insbesondere im Südwesten der Stadt, im Herzen des ehemaligen amerikanischen Sektors, haben Zehntausende Amerikaner über fünf Jahrzehnte ihre Spuren hinterlassen. Einer der geheimsten und geheimnisumwittertsten Standorte: die US-Abhörstation Grunewald auf dem Teufelsberg – ein Spionagezentrum, das hoch oben auf den aufgeschichteten Trümmern der Stadt entstand, um die Aktivitäten der Sowjets im Ostblock belauschen zu können. In den 1940er-Jahren hatten die Nazis genau diesen Ort als Bauplatz für die Wehrtechnische Fakultät (WTF) der Technischen Hochschule auserkoren. Einer der kolossalen Bauten des NS-Regimes für die Reichshauptstadt „Germania“. Begonnen, aber nie fertiggestellt und zu massiv, um nach dem Krieg ganz beseitigt zu werden. Die Reste der Neubauruine wurden zugeschüttet. Darüber ließen die Alliierten die Trümmer des zerbombten Berlins Schicht für Schicht zum 120 Meter hohen Teufelsberg aufschichten: ein Berliner Ski- und Rodelparadies, bis die Geheimdienste den Ort für sich beanspruchten. Hoch oben auf der Spitze des Teufelsbergs bauten die Amerikaner in den 1960er-Jahren eine riesige Anlage, die die älteren Spionagebauten der Briten ergänzte. Verborgen vor neugierigen Blicken – Deutsche hatten nur in den seltensten Fällen Zutritt – wurde die US-Anlage zu einem weißen Fleck auf den Stadtkarten Berlins – ein geheimnisvolles Spionagezentrum über den Baumkronen der geteilten Stadt. Rings um die futuristisch anmutenden Gebäude, die auf der künstlichen Erhebung thronten, herrschte militärische Sperrzone. US-Abhörstation Teufelsberg: Geheimdienst-Horchposten in Berlin Nirgendwo anders hatten sich die verfeindeten Supermächte USA und Sowjetunion so nah gegenübergestanden wie im geteilten Berlin. Jahrzehntelang stand die Abhörstation auf dem Teufelsberg an vorderster Front des Ost-West-Konflikts. Die „Field Station Berlin“, von den Alliierten „The Hill“ genannt, erlaubte durch ihre Position auf der höchsten Erhebung Westberlins einen ungehinderten Empfang von Telefon-, Funk- und Faxsignalen. Die Russen horchten vom Brocken nach Westen, die Amerikaner vom Teufelsberg nach Osten. Scherzhaft hieß es, man könne hier auch noch die elektrische Zahnbürste Breschnews hören. Die Anlage auf dem Teufelsberg war Teil des weltweiten Spionagenetzes Echelon und eine der wichtigsten der westalliierten Abhörstationen im Kalten Krieg. Mit der UKUSA-Vereinbarung 1946 hatten sich die USA und Großbritannien auf enge geheimdienstliche Kooperation verständigt. Später kamen noch Australien, Neuseeland und Kanada hinzu; die „Five Eyes“ waren aus der Taufe gehoben. Das Abkommen bildete die Grundlage für die US-Operationen auf dem Teufelsberg, der zum britischen Sektor der geteilten Stadt gehörte. US-Abhörstation Teufelsberg: Schlichte Anfänge mit Transportern und Holzhütten Die verwinkelte Struktur der einstigen Spionagehochburg war durch mehrere größere Bauphasen geprägt. Bereits seit den 1950er-Jahren hatten die Briten das Gelände zur LuftraumüberwaStationierung der US-Armee: Ein Patton Panzer der US-Armee steht am Wegesrand gegenüber eines Maschinengewehrschützen in Bereitstellung während einer Feldübung am 1962 im Grunewald in Berlin. Foto: picture alliance / dpa | dpa chung genutzt. Seit 1951 arbeitete eine kleine Gruppe von Übersetzern der zur Royal Air Force (RAF) gehörenden Signals Unit (Signaleinheit) an der Überwachung von Flugbewegung und dem Abfangen von Nachrichtenverkehr. Ein Horchposten auf dem Flugplatz Gatow, der den verschlüsselten Sprechfunk und Fernschreibverkehr abfangen und entschlüsseln sollte, wurde in den 1960er-Jahren auf den Teufelsberg verlegt. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 war die Möglichkeiten mit Agenten am Boden in Ostberlin, der DDR und Ostblockländern operieren zu können, quasi über Nacht erheblich erschwert worden und die elektronische Fernüberwachung gewann an Bedeutung. Briten und Amerikaner einigten sich auf eine gemeinsame Nutzung des Areals am Teufelsberg. Die Architektur war noch durch mobile Anlagen und temporäre Bauten bestimmt. 1961 errichteten die Briten zwei große Antennen und stationierten eine Einheit britischer Übersetzer in provisorisch zusammengezimmerten Holzhütten. Die Amerikaner verlegten erste eigene mobile Einheiten auf den Trümmerberg, deren gekoppelte Lastwagen, Container, Baracken und Antennen eine u-förmige Aufstellung bildeten. US-Abhörstation Teufelsberg: Schlichte Anfänge mit Transportern und Holzhütten Die verwinkelte Struktur der einstigen Spionagehochburg war durch mehrere größere Bauphasen geprägt. TEUFELSBERG
6 TEUFELSBERG Bereits seit den 1950er-Jahren hatten die Briten das Gelände zur Luftraumüberwachung genutzt. Seit 1951 arbeitete eine kleine Gruppe von Übersetzern der zur Royal Air Force (RAF) gehörenden Signals Unit (Signaleinheit) an der Überwachung von Flugbewegung und dem Abfangen von Nachrichtenverkehr. Ein Horchposten auf dem Flugplatz Gatow, der den verschlüsselten Sprechfunk und Fernschreibverkehr abfangen und entschlüsseln sollte, wurde in den 1960erJahren auf den Teufelsberg verlegt. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 war die Möglichkeiten mit Agenten am Boden in Ostberlin, der DDR und Ostblockländern operieren zu können, quasi über Nacht erheblich erschwert worden und die elektronische Fernüberwachung gewann an Bedeutung. Briten und Amerikaner einigten sich auf eine gemeinsame Nutzung des Areals am Teufelsberg. Die Architektur war noch durch mobile Anlagen und temporäre Bauten bestimmt. 1961 errichteten die Briten zwei große Antennen und stationierten eine Einheit britischer Übersetzer in provisorisch zusammengezimmerten Holzhütten. Die Amerikaner verlegten erste eigene mobile Einheiten auf den Trümmerberg, deren gekoppelte Lastwagen, Container, Baracken und Antennen eine u-förmige Aufstellung bildeten. US-Abhörstation Teufelsberg: Ab 1963 nahm die Field Station Gestalt an Die ersten dauerhaften Einrichtungen entstanden ab 1963: Das Provisorium mobiler Einheiten wurde an der Südseite mit Baracken erweitert und ein erster Betonturm mit aufblasbarer Kuppel (Radom) für eine rotierende Radaranlage ergänzte nun die Silhouette des Teufelsbergs. Daneben ließ die US-Armee einen viergeschossigen Backsteinbau, das „Comm Center“, an der Westseite sowie den freistehenden Radomturm „Arctiv Tower“ errichten. Die beiden Gebäude sind die ältesten bis heute vorhandenen Strukturen der Abhörstation. 1969 verzeichneten die Aufklärungseinheiten im Ostblock Bewegung auf dem Teufelsberg, als Kolonnen von Baufahrzeugen die nächste Bauphase einleiteten. Das Bauprogramm „Project Filman“ hatte begonnen. Viele der Gebäude entstanden, die bis heute die markante Form der Field Station bilden: das zweigeschossige britische Betriebsgebäude, das weit sichtbare dreigeschossige US-Hauptgebäude mit Turm und drei Radarkuppeln, die Verbrennungsanlage für Akten, ein Heizkraftwerk, die Transformatorenstation mit Notstromaggregaten, eine neue Messe mit Einkaufsladen und Warenhaus. US-Abhörstation Teufelsberg: Festungsanlage im Kalten Krieg der Daten Prägendes Element des Agentenbaus: die fensterlose Architektur und überdeckte oder unterirdische Verbindungstunnel. Alle Aktivitäten waren ins unsichtbare Innere der Station verlegt worden und unterstanden strengster Geheimhaltung. Die Abhörstation auf dem Teufelsberg war zu einer modernen Burg ausgebaut worden, doch noch hatte sie ihre endgültige Struktur nicht erreicht. Anfang der 1970er-Jahre entstand im Eingangsbereich ein Verwinkelte Gänge, fensterlose Gebäude und Top-Secret-Sicherheitsmaßnahmen gehörten zum Arbeitsumfeld der INSCOM-Mitarbeiter in der US-Abhörstation der US-Armee auf dem Teufelsberg in Berlin-Grunewald. Foto: picture alliance / Caro | Muhs
7 TEUFELSBERG neues Wachgebäude und gedeckte Verbindungsgänge zwischen den Hauptbetriebsgebäuden und dem Radarturm. Anstelle des alten Messegebäudes wurde das experimentelle Abhörgerät „Jambalaya“ installiert und die Briten ließen einen 120 Meter hohen rotweißen Antennenmast aufstellen. Bis 1978 wurden die letzten mobilen Einheiten demontiert. Für den Bau des neuen, bis 1983 fertiggestellten Betriebsgebäudes Teufelsberg II musste die Verbrennungsanlage für Dokumente versetzt werden. Das Messegebäude wurde als gestaffeltes Gebäudes samt großzügiger Glasfassade – eine Ausnahme auf dem Gelände – realisiert. Außerdem entstanden eine zweite Transformatorenstation sowie zwei weitere Elektrozentralen. Das Wachlokal wurde um Schlaf- und Lagerräume erweitert und erhielt eine Telefon- und Brandmeldezentrale. Als eine der letzten Baumaßnahmen wurden die Hauptgebäude gedämmt, der Jambalaya-Turm 1987 abgerissen und auf den Fundamenten ein neuer Turm errichtet. Von außen war die Station durch zwei 1,20 Meter auseinanderstehenden Zäune mit Kontakt-Sensoren abgeschirmt, durch die ein Postenweg für Patrouillen verlief. Sobald ein Zaun berührt wurde, waren Einheiten der auf dem Teufelsberg stationieren Sonderabteilung US-Militärpolizei (USAMPC) zu Stelle. US-Abhörstation Teufelsberg: Das waren die Aufgaben der Spionage-Hochburg Mit der Anlage auf dem Teufelsberg betrieb die US-Army Security Agency (ASA), eine Unterabteilung der NSA, eine der effektivsten Abhörstationen Richtung Osten. 1977 ging diese in das „Intelligence and Security Command“ (INSCOM) über, das von nun an die Verantwortung der Abhörstation auf dem Teufelsberg übernahm. Auf Seiten der Amerikaner war die NSA für die elektronische Aufklärung zuständig, auf der Seite der Briten, der SIS (Secret Intelligence Service). Darüber hinaus besaßen auch die Marine und die Luft- und Landstreitkräfte eigene geheimdienstliche Einheiten, die von der Field Station aus operierten. Die Aufgabe der stationierten Geheimdienste war die elektronische Aufklärung, die Überwachung des Funkverkehrs und die Dechiffrierung und Lageanalyse. Von der Anlage auf dem Teufelsberg und vernetzter weitere Geheimdienststandorte in Berlin wurde der Funkverkehr des „Warschauer Pakts“ einschließlich der DDR-Behörden überwacht, abgehört, protokolliert und bei Bedarf gestört. Hinter den vier großen, mit textilem Gewebe bespannten Radomen verbargen sich für diese Aufgabe Parabolantennen unterschiedlicher Größe sowie Breitbandantennen. Die gesammelten Daten wurden per Satellitenverbindung an das NSAHauptquartier im US-amerikanischen Fort Meade weitergeleitet. Die Field Station war auf ihrem Höhepunkt in der Lage in einem Umkreis von 250 Kilometern aktive Funkmessanlagen zu erfassen und deren Radaraussendungen auszuwerten. Zusammen mit anderen Objekten entstand mit ihr ein bis 500 Kilometer tiefes Frühwarnsystem der stationierten Streitmächte. Die rund 800 INSCOMSpezialisten, die im Schichtbetrieb rund um die Uhr in der Abhörstation arbeiteten, wurden drei Mal täglich mit Bussen auf den „Hill“ gefahren und nach Dienstende wieder abgeholt. Insgesamt waren bis zu 1500 Armeeangehörige und Mitarbeiter in der Field Station eingesetzt. Vier Mal wurde Berlins Spionagehochburg bis Anfang der 1990er-Jahre mit der „Travis Trophy“ als wichtigste US-Abhörstation zur strategischen Aufklärung ausgezeichnet. US-Abhörstation Teufelsberg: Infiltrationsversuche durch den KGB In der jahrzehntelangen Geschichte der Abhörstation gab es diverse Infiltrationsversuche durch die Geheimdienste des Ostblocks. Einer der spektakulärsten: der Fall Hüseyin Yildirim Ende der 1970er-Jahre. Der türkischstämmige Gastarbeiter hatte in Süddeutschland bei Mercedes Benz als Kfz-Meister gearbeitet, bevor er 1972 nach Westberlin ging. Diamantenhandel, Versicherung, Anlageberater – Yildirim hatte viel versucht, bevor er 1979 auf der Suche nach einer Finanzspritze kurzerhand nach Ostberlin fuhr und beim Auslandsnachrichtendienst der DDR vorsprach. Die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS und ihr großer Bruder – die Sowjetdienste – interessierten sich vor allem für das Geschehen auf dem Teufelsberg, und heuerten Yildirim als Agent an, Deckname „Blitz“. Schnell fand der geschickte Kfz-Meister, der von den GIs „The Meister“ genannt wurde, eine Anstellung mit Kontaktaussichten. Beim „Auto Craft Shop“, einer Werkstatt für US-Soldaten in den Lichterfelder Andrews Barracks, freundete er sich mit Angehörigen der INSCOM-Einheit an, die auf dem Teufelsberg im Schichtdienst den Feind abhörten und privilegierten Zugang zu Geheimdienstdokumenten hatten. Ruinen der Abhörstation der Britischen Armee und US-Armee auf dem Teufelsberg in BerlinGrunewald Foto: picture alliance / Caro | Muhs
8 TEUFELSBERG US-Abhörstation Teufelsberg: Der „Meister“ und sein Gehilfe führten die NSA vor Die wichtigste Quelle: Der notorisch in finanziellen Schwierigkeiten steckende US-Unteroffizier James H. Hall – Deckname Paul. Hall arbeitete auf dem Teufelsberg in der fernmeldeelektronischen Aufklärung und genoss die höchste Zugangsberechtigung zu Geheimdienstinformationen. Bis Mitte der 1980er-Jahre verkauft das Agentenduo Hall-Yildirim Tausende klassifizierte Informationen, streng geheime Dokumente und brisante Unterlagen an die Geheimdienste der DDR und UdSSR. Darunter die National SIGINT Requirements List, eine 4000 Seiten lange Liste der Spionageziele der USA, sowie die brisante Nato-Strategie-Studie „Canopy Wing“, die die Möglichkeiten auslotete, einen Atomkrieg durch Störung des Funkverkehrs des Gegners zu gewinnen. Hall schmuggelte die brisanten Dokumente in einer doppelbödigen Sporttasche aus der Abhörstation. Yildirim kopierte die Unterlagen und versteckte sie an unterschiedlichen Stellen in Berlin, in einem Keller in der Rankestraße 32 und auf einem Friedhof am Innsbrucker Platz, bis die Übergabe an die Kontaktpersonen in der DDR glückte. Erst 1988 wurde Yildirim, der sich aus dem Agentenbusiness zurückgezogen hatte und in den USA lebte, enttarnt, als James Halls Geheimnisverrat aufflog. Nach dreizehnjähriger Haftzeit im Hochsicherheitsgefängnis Pollock in Louisiana wurde Yildirim 2003 an die Türkei überstellt und dort aus der Haft entlassen. US-Abhörstation Teufelsberg: Die US-Armee zog vom Teufelsberg ab Trotz der geglückten Infiltrationsoperation war die Abhörstation auf dem Teufelsberg während ihres Bestehens überaus erfolgreich. Ende der 1980erJahre gab es noch Ausbaupläne, die bis 1995 erfolgen sollten und mit einem jährlichen Budget von 30 bis 60 Millionen Euro veranschlagt wurden – doch der Fall der Berliner Mauer, die Wiedervereinigung und der Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre durchkreuzten die Erweiterungspläne. Unter den neuen weltpolitischen Verhältnissen war die Echolon-Station im Grunewald nicht mehr vonnöten. Auf dem Teufelsberg wurden die SigAdresse: Teufelsseechaussee 10, 14193 Berlin-Grunewald Geschichte: Anfang der 1960er-Jahre installierte die US-Armee die erste mobile Abhörstation auf dem Teufelsberg, nachdem die Briten bereits seit Anfang der 1950er-Jahre den Ort zur militärischen Überwachung des Flugverkehrs genutzt hatten; ab 1963 Bau und Betrieb der Abhörstation in mehreren Bauabschnitten; bis zur Wiedervereinigung Überwachung des Funk-, Richtfunk- und Fernmeldeverkehrs der DDR; nach 1992 Leerstand Führungen: Die ehemalige Abhörstation kann individuell oder per Tour erkundet werden. Hier finden Sie mehr Infos zu den aktuellen Öffnungszeiten und Besuchshinweise (www.teufelsberg-berlin.de/besuch/ wichtige-informationen) sowie zu den angebotenen Führungen auf dem Teufelsberg Berlin (www.teufelsberg-berlin.de/ fuehrungen) Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09097869 Status: Lost Place. 1996 wurde das Gelände an einen privaten Investor verkauft. Bebauungspläne scheiterten, heute wird das Areal mitsamt der erhaltenen Ruinenlandschaft der Ex-Abhörstation als Graffiti-Galerie, Lost-Place-Besucherattraktion und Eventfläche vermarktet DAS SIND DIE FAKTEN ZUR ABHÖRSTATION TEUFELSBERG: naltürme und Rechnerzentren ausgeschaltet und die Schlapphüte, Übersetzer, Technikexperten und Soldaten verließen ihre Posten. Im Jahr 1992 wurde der größte Teil der bis dahin streng geheimen technischen Anlagen demontiert, auf Lkw verladen und ausgeflogen. Im Oktober 1992 schloss die US-Armee die Tore der verwaisten Anlage zu. Ein Jahr später wurde die Berlin Brigade durch US-Präsident Bill Clinton deaktiviert und die verbliebenen Militärs aus Deutschland abgezogen. US-Abhörstation Teufelsberg: Lost Place seit den 1990er-Jahre Auf dem Teufelsberg zurück blieben die ausgeweideten Gebäuderümpfe der einstigen Überwachungsstation – als steinern-stählerne Zeugen des Kalten Kriegs und der Teilung Deutschlands. Spionageaktivitäten sind auf dem Teufelsberg seitdem Geschichte. Doch mit ihrem Ende begann eine ganz andere Schlacht um die Ex-Abhörstation. Investoren und die Stadt Berlin suchten nach Ideen und Konzepten für das weltweit bekannte Symbol. Ein kleiner Teil des Areals, das 1992 vom Bund an das Land Berlin worden war, wurde seit 1995 von der deutschen Flugaufsicht genutzt, die neue Radaranlagen installieren ließ, doch es fehlte an einem tragbaren Nachnutzungskonzept für die Gesamtanlage, deren hoher Sanierungsbedarf unübersehbar war: So zeigten sich beispielsweise Risse im Sockel des 120 Meter hohen Rhode & Schwarz-Funkmastes, der wegen Einsturzgefahr 1996 demontiert werden musste. US-Abhörstation Teufelsberg: Anlage verfiel unter den Augen der Investoren Im selben Jahr verkaufte der Berliner Senat das 48.000 Quadratmeter große Areal an die Kölner Investorengemeinschaft Teufelsberg KG (IGTB), die durch das Architektenbüro Gruhl & Partner Planungsarbeiten erstellen ließ. Aus dieser Zeit kann bis heute das mittlerweile vollkommen überwucherte Muster eines luxuriösen Lofts auf dem Teufelsberg bewundert werden. Doch alle hochfliegenden Investitionsträume rund um das verlassene Militärgelände scheiterten: Pläne für exklusiven Wohnungsbau und Hotelnutzung mit Tagungszentrum ebenso wie der durch US-Regisseur David Lynch angestoßene Bau einer „Friedensuniversität“ und Guru-Hochburg sowie die von US-Veteranen vorgeschlagene Realisierung eines Denkmals des Kalten Kriegs. Die langen Verhandlungen führten dazu, dass Teile der Anlage über längere Zeit unbeaufsichtigt waren und massiver Vandalismus die bauliche
9 TEUFELSBERG Substanz der verwaisten Ex-Abhörstation stark in Mitleidenschaft zog. Der Auszug der Deutschen Flugsicherung in den 2000er-Jahren verschärfte das Problem von Zerstörung und Materialdiebstahl noch. Die Field Station entwickelte sich zu einem von Berlins bekanntesten Lost Places, deren verwüstete Anlagen an postapokalyptische Szenarien erinnerten. Die perfekte Kulisse für Freunde des Urban Exploring, des Auskundschaftens verborgener und verlassener Stadtarchitektur. US-Abhörstation Teufelsberg: Bebauung der Ex-Spionagestation scheiterte 2004 erlosch die Baugenehmigung. Weitere Umbaumaßnahmen sind ausgeschlossen, seit das Gelände 2006 im Berliner Bebauungsplan als „Waldfläche“ deklariert wurde und der Teufelsberg für die meisten Investoren unattraktiv wurde. Dennoch pilgern mittlerweile Tausende Besucher jährlich zu Berlins bekanntester Abhörruine. Seit 2010 war die Anlage wieder durch eine Sicherheitsfirma bewacht worden und dem damaligen Pächter gelang es eine neue Struktur aufzubauen, die es ermöglichten, die Abhörstation wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit 2011 bot die Arbeitsgemeinschaft „Berlin Sight Out“ Führungen über das Gelände und ins Innere des Radarturms an. 2013 gründete sich der Verein Berliner Teufelsberg e. V. mit dem Ziel, die Abhörstation zu einem Austauschort für Kultur, Kunst und Geschichte auszubauen. US-Abhörstation Teufelsberg: Lost-Place-Attraktion zieht Tausende Besucher an Heute befindet sich auf den Flächen des seit 2018 unter Denkmalschutz Blick vom Funkturm auf die verfallenden Anlagen der US-Abhörstation auf dem Teufelsberg im Berliner Grunewald 2008. Foto: picture-alliance/ ZB | Karlheinz Schindler stehenden Komplexes die größte Street-Art-Gallery Europas. In der höchsten Kuppel der drei Radome finden Konzerte, Präsentationen und Filmvorführungen statt. Das Areal ist im Sommer Veranstaltungsort für Sport- und Fitnessevents – und nicht zuletzt Touristen fühlen sich von dem gespenstischen Charme der exklusiven Berliner Ruinen und ihrer Geschichte angezogen. Regelmäßig werden Führungen zur Historie des Ortes, der Arbeit in der Abhörstation und zu anderen Themen wie Kunst und Botanik angeboten. Das Areal ist im Sommerhalbjahr täglich zugänglich. Weitere Informationen rund um den Besuch der ehemaligen Abhörstation und zur aktuellen „Declassified“-Ausstellung gibt es auf der Internetseite der Veranstalter: teufelsberg-berlin.de.
10 GRUNEWALDTURM Von Kerstin Heinrich Seit 1899 bestiegen Hunderttausende den Grunewaldturm. Dann häuften sich die Schwierigkeiten, beinahe wurde der Ort zum Lost Place. Das marode Treppenhaus zur Aussichtsplattform, die einen atemberaubenden Ausblick über Berlins Südwesten bot, wurde zum Sicherheitsrisiko. MYTHOS GRUNEWALDTURM: SPANNENDE TRADITION LEBT FORT Foto: picture alliance / dpa | Lukas Schulze
11 GRUNEWALDTURM Bevor die Alliierten die Trümmer Berlins zum Teufelsberg aufschütten ließen, war der Karlsberg eine der höchsten Erhebungen im Grunewald – nur übertroffen vom Havelberg. Bekrönt wurde der Aussichtspunkt seit 1899 vom Kaiser-Wilhelm-Turm, später in Grunewaldturm umbenannt – von Beginn an eine Attraktion und Besuchermagnet allererster Güte. „Im Laufe der ersten acht Monate nach seiner Eröffnung wurde der Turm von 91.000 zahlenden Personen bestiegen,“ weiß 1902 H. Berdrows Standard-Wanderführer „Der Grunewald“ zu berichten. Dreimal mehr als erwartet. Bis heute ist der zu Ehren Wilhelm I. – preußischer König und erster deutscher Kaiser – errichtete Turm ein beliebter Anziehungspunkt am Ufer der Havel. Doch in jüngster Vergangenheit standen die Besucher nicht selten vor verschlossenen Toren. Jahrelang musste der Backsteinbau nach einer Überprüfung seiner Wandeltreppe wegen maroder Bausubstanz baufällig geschlossen bleiben. Der Ausfall belastete auch die Pächter des Ausfluglokals an seinem Fuße. Die wichtigsten Infos zu dem ehemaligen Lost Place. Wo liegt der Grunewaldturm genau? Der Turm liegt an der Havelchaussee 61 im Ortsteil Grunewald des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: F5HW+7P Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Turm am besten mit der Buslinie 218 (Haltestelle Grunewaldturm) zu erreichen, der als Ausflugslinie im Stundentakt zur Pfaueninsel pendelt. Von der Station ist es ein etwa zweiminütiger Fußweg bis zum Fuße des Turms. Am Grunewaldturm befinden sich Parkplätze. Ausgangslage: Huldigung an die Hohenzollern im Landkreis Teltow Mitten im Forst des Grunewald überragt ein roter Backsteinbau meterhoch die umgebenden Baumwipfel. Seinen Ausgang nahm das Berliner Wahrzeichen im Stil der märkischen Backsteingotik mit einem Beschluss im Kreistag Teltow – das damals noch vor den Toren Berlins lag. Der Landrat Ernst Leberecht von Stubenrauch (1853–1909), der auch als Initiator des Teltowkanals gilt, unterbreitete 1897 den versammelten Kreisräten den Vorschlag, dem Hohenzollerngeschlecht ein Denkmal zu setzen. Genauer: Eine posthume Ehrung für den einhundert Jahre zuvor geborenen preußischen König und ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. (1797–1888), der neun Jahre zuvor verstorben war. Kein ungewöhnliches Unterfangen im kaiserzeitlichen Deutschen Reich, dessen Kreis- und Landtage sich mit architektonischen Huldigungen und Anbiederungen an das regierende Adelsgeschlecht einen regelrechten Überbietungswettkampf lieferten. Da wollte Teltow nicht nachstehen. Der Kreistag beschloss den Bau eines prunkvollen Turms, dessen Grundsteinlegung noch im selben Jahr erfolgte. Als Ort wurde der sich 78 Meter über den Meeresspiegel erhebende Karlsberg im Grunewald auserkoren. Grunewaldturm: Errichtung und Einweihung Ende des 19. Jahrhunderts Als Architekt verpflichtete der Landkreis den zu jener Zeit sehr gefragten Baumeister Franz Schwechten (1841– 1924). Der Königliche Baurat hatte bereits mit zahlreichen beeindruckenden Bauten auf sich aufmerksam gemacht – darunter: das Merseburger Ständehaus, die Schultheiss-Brauerei in der Schönhauser Allee und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg. Für den Aussichts- und Gedenkturm im Grunewald legte Schwechten Pläne im Stil der sogenannten märkischen Backsteingotik vor, die von mittelalterlichen Burgen- und Kirchenbauten inspiriert war. Die Verwendung zahlreicher schmückender Zierelemente wie Zinnen, Spitzbogenfenster und Türmchen verliehene dem Bauwerk am Ufer der Spree eine entrückte, märchenhafte Wirkung. Nachdem der Baugrund bereitet, die Kuppe des Karlsbergs gerodet und planiert sowie ein Kiesfundament geschaffen worden war, begannen noch 1897 die Bauarbeiten. Zwei Jahre später wurde der Turm am 9. Juni 1899 feierlich eingeweiht. Nur ein Glückwunschtelegramm sorgte für Verwirrung. Kaiser Wilhelm II. gratulierte zur Fertigstellung des „Kaiser-Wilhelm-Turmes“ und verkürzte damit die eigentliche Widmung an König Wilhelm I. Der Name blieb haften – bis der Berliner Senat 1948 den Turm verbürgerlichte und kurzerhand zum Grunewaldturm erklärte. Grunewaldturm: So war der Turm konzipiert Der im quadratischen Grundriss ausgeführte, 55 Meter hohe Grunewaldturm erhebt sich auf einer vier Meter hohen sandsteinverblendeten Basis aus rötlichem Rochlitzer Porphyr, zu der eine breite Freitreppe hinaufführt. Das Sockelgeschoss des Turmes birgt eine Gedenkhalle, zu der sich ein großes Portal von der Ostseite der umlaufenden Basis hin öffnet. Der untere Teil des Bauwerks wird durch ein Geschoss mit vier Treppentürmchen abgeschlossen. Darüber steigt der sich verjüngende, mit Weihinschriften und Wappen versehene Turmschaft auf. 1899 eröffnet und 55 Meter hoch, bietet der auf einer Anhöhe gelegene Grunewaldturm einen wunderbaren Ausblick über Wälder und Seen. Foto: Unbekannt | Unbekannt
12 GRUNEWALDTURM Im Inneren mündet eine eiserne Treppenanlage nach 204 Stufen in die als Aussichtsplattform dienende offene Halle in 36 Metern Höhe, die einen fantastischen kilometerweiten Ausblick über die Havel und den Grunewald bietet. Bei gutem Wetter schaut man von hier oben bis nach Potsdam. Die Ausstattung der Ehrenhalle wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ergänzt. Im Zentrum der Halle befindet sich ein überlebensgroßes Standbild Wilhelms I., das von Ludwig Manzel (1858–1936) 1902 geschaffen wurde. Der Bildhauer und Eisengießer formte ebenfalls die Eisenguss-Reliefplatten in den Ecken der Gedenkhalle. Sie zeigen die Feldherren Roon, Moltke, Bismarck und Prinz Friedrich Karl. An der Decke der kuppelgekrönten Gedenkhalle befinden sich neobyzantinischen Mosaiken aus der Werkstatt Puhl & Wagner. Es handelt es sich um ein Frühwerk des Kirchenmalers August Oetken (1868–1951). Die Inschriften an den Turmaußenseiten lautet: „Koenig Wilhelm I. zum Gedaechtniss“ an der Ostseite und „Der Kreis Teltow baute mich 1897“ an der Westseite. Darüber befinden sich Wappen: Das der Havel zugewandte Wappen zeigt den roten brandenburgischen, das dem Wald zugewandte den schwarzen preußischen Adler. Grunewaldturm: Beliebtes Ausflugslokal am Fuße des Turms Früh etablierte sich an der Besucherattraktion im Grunewald eine Schankwirtschaft, die durstige und hungrige Wanderer nach ihren Uferpartien an der Havel oder Ausflügen im Grunewald versorgte. Im Winter konnte an den Abhängen der Umgebung gerodelt und sogar Ski gefahren; im Sommer der Blick vom Turm genossen werden. Der Aufstieg für Kinder blieb mit Kosten von 5 Pfennig für das Ticket überschaubar. Auf der überdachten Terrasse oder im Garten servierte der Pächter des Turm-Restaurants Bier und Kaffee, im Schankraum wurden Speisen serviert. Auch Ausflugsboote und Bustouren steuerten in den 1920er-Jahren „Saewerts“-Turmgaststätte an, die mitsamt des „Kaiser-Wilhelm-Turms“ seit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 auf hauptstädtischem Boden lag. Im Zweiten Weltkrieg nicht nennenswert beschädigt, setzte sich der Schankbetrieb auch in der Nachkriegszeit fort. Der Ortsteil Grunewald gehörte jetzt zum britischen Sektor. Von der Aussichtsplattform des seit 1948 Grunewaldturm genannten Bauwerks konnte man das Treiben im sowjetischen Sektor und später der DDR überblicken. 1953 wurden größere Instandsetzungen am Grunewaldturm vorgenommen – deren Mängel und grundlegende Fehler in der Planung und Bauausführung sich erst Jahrzehnte später offenbaren sollten. Grunewaldturm: Alte Tradition des Vier-Fenster-Blicks Mehr als fünf Jahrzehnte lang blieb der frischsanierte Turm und sein pächtergeführtes Restaurant beliebter Anlaufpunkt für erholungssuchende (West-) Berliner und erlebnishungrige Besucher der Spreemetropole. Der Biergarten am Fuße des Turms erweiterte sich nach den Zeitbedürfnissen. Spätestens seit den 1980er-Jahren fanden Besucher hier auch eine Minigolfanlage, auf der man unter den wachsamen Augen der Statue Wilhelms I. einlochen durfte. Bot sich Seglern auf der Havel der sogenannte Vier-Fenster-Blick, bei dem alle Fenster des Turms – die hinteren durch die vorderen – zu sehen sind, wurde nach alter Tradition angestoßen. In den 2000er-Jahren offenbarten sich dann die alten Bausünden an Berlins Wahrzeichen im Wald. Bei einer Routinebegehung im Zuge eines Gutachtens zum Denkmalschutz des Turms 2007 wurde der Senatsbehörde schwere Schäden am Treppenaufgang gemeldet, die auf eine fehlerhafte Treppenkonstruktion zurückgingen. Sie sei falsch eingebaut und erzeuge „Gewölbedruck“. Die Turmsanierung 1953 habe diesen „grundlegenden Fehler“ außer Acht gelassen. So wurden die 204 Stufen zur Aussichtsplattform allmählich zum Sicherheitsrisiko. Risse zogen sich durch die Betonböden der Adresse: Havelchaussee 61, 14193 Berlin-Grunewald Geschichte: Zwischen 1897 und 1899 als Ehrenmal für den preußischen König und deutschen Kaiser Wilhelm I. nach Plänen des Architekten Franz Schwechten (1841–1924) errichtet; 1953 umfangreich saniert; ab 2007 wegen Baufälligkeit geschlossen Führungen: Der Grunewaldturm ist zugänglich. Hier erhalten Sie mehr Informationen zu aktuellen Öffnungszeiten und Eintrittspreisen: info996594.wixsite.com/ website Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09046482 Status: Ehemaliger Lost Place. Ende 2011 wurde der Turm nach grundlegender Sanierung wiedereröffnet. Nach Insolvenz des Pächters 2019 im Folgejahr erneut wiedereröffnet. DAS SIND DIE FAKTEN ZUM GRUNEWALDTURM IM ÜBERBLICK: Ansicht des Turms und der Umgebung. Luftaufnahme, nach 1934. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
13 GRUNEWALDTURM Biergarten und Restaurant schlossen 2019 nach Insolvenz des Pächters, konnten aber bereits 2020 wieder unter neuer Führung geöffnet werden Foto: picture alliance / imageBROKER | Schoening Stufen, die Eisenverankerungen machten einen maroden Eindruck. Wird das Bauwerk zur Endlosbaustelle? Mängelliste reißt nicht ab Der Turm wurde im Oktober 2007 geschlossen. Das Ziel: eine schnelle Sanierung des Treppenhauses und Wiedereröffnung im Frühjahr 2008. Gerade rechtzeitig, um den von den Berliner Forsten just an den neuen Pächter Björn Hansow vergebenen Grunewaldturm samt Restaurant und Biergarten an seinem Fuße einen guten Start zu ermöglichen. Daraus wurde nichts. Die 2007 einsetzende Sanierung des denkmalgeschützten Baus offenbarte immer neue Baumängel. Die Liste der festgestellten Defekte riss nicht ab. Die Standsicherheit der Treppe und der Brandschutz im Treppenaufgang waren nicht gewährleistet. Aus der Turmfassade lösten sich Klinkerteile und fielen auf die Terrasse herab. Die Fassade musste eingerüstet und saniert werden, die Turmkrone auf einer Länge von rund acht Metern vollständig abgetragen und neu wiederaufgebaut werden. Am Terrassenboden führten Undichtigkeiten bei Regen zu Wassereinbrüchen im darunterliegenden Sockelgeschoss. Überall, wo Sachverständige und Ingenieure zu lange hinschauten, fielen neue Sicherheitsmängel, Bauschäden oder unsachgemäße Überbauungen auf, wie an der Terrasse, an der die historischen Böden mit Betonplatten und Abdichtschichten überdeckt worden waren. Grunewaldturm: Turm schließt erneut – Pächter geht in die Insolvenz Erschwerend kam hinzu, dass der Turm seit Anfang der 1990er-Jahren als Mobilfunkstandort genutzt worden war. Die dafür vorhandene Technik musste ebenfalls erneuert und die generelle Funktionsfähigkeit während der Sanierung gewährleistet bleiben. Die Elektroschränke aus dem Treppenaufgang verlegte man in das Sockelgeschoss. Der Antennenwald auf der Turmkrone wurde neu geordnet und reduziert. Zu Ostern 2011 – drei Jahre nach dem ursprünglich angepeilten Fertigstellungstermin – konnten die ersten Besucher den runderneuerten Grunewaldturm wieder besteigen. Doch für den Restaurantbesitzer riss der Ausfall durch ausbleibende Turmbesucher in den ersten Jahren seiner Pacht eine Lücke in die Finanzplanung. Im Herbst 2019 standen Besucher erneut vor verschlossenen Toren. Statt die Aussicht von der Turmplattform genießen und die Speisekarte im Grunewaldturm-Restaurant inspizieren zu können, fanden sie einen Zettel angehangen, mit dem sich das Team für zehn Jahre Treue bei den Gästen bedankte. Im Biergarten standen Stühle herrenlos herum. Dazwischen lag ein zurückgelassener Sonnenschirm verloren herum. Der Betrieb hatte Insolvenz angemeldet – und auch der Grunewaldturm konnte nicht bestiegen werden, weil das Restaurant diesen mit bewirtschaftet und die Eintrittskarten verkauft hatte. Würde der Turm erneut auf Dauer gesperrt zu einem verlorenen Wahrzeichen Berlins verkommen? Grunewaldturm: Wie sieht es aktuell um den Turm aus? Die Berliner Forsten als Vermieter des Turms sowie des Restaurants reagierten schnell. Im Januar 2020 konnte ein neuer Pächter für das historische Ensemble gefunden werden und bereits zu Ostern desselben Jahres der Betrieb am Turm wiederaufgenommen werden. Seitdem beherbergt der Kaisergarten am Grunewaldturm mit Bistro und Biergarten einkehrende Besucher und auch der Grunewaldturm kann wieder erkundet und bestiegen werden. Das Restaurant am Grunewaldturm hat eine kleine, aber feine Speisekarte mit regionalen Spezialitäten. Zu den Sommermonaten wird der Biergarten geöffnet und lockt Ausflügler an den Fuß des alten „Kaiser-Wilhelm-Turms“ – gute Nachrichten für das beliebte Denkmal, das seine jüngste Pannenserie vorerst überstanden zu haben scheint.
14 PANKOWS RUINE Der Wasserturm an der heutigen Tino-Schwierzina-Straße ist ein Wahrzeichen des Pankower Ortsteils Heinersdorf. Einst sollte er der Turm des Rathauses Heinersdorf werden. Doch daraus wurde nichts. Und auch nach seiner Errichtung endeten die geschichtlichen Wirrungen und städtebaulichen Rückschläge um den inzwischen denkmalgeschützen Turm in Heinersdorf nicht. Er gehört damit zu den vielen faszinierenden Lost Places in Berlin und wird von Abenteuerlustigen, Hobby-Fotografen und Geschichtsinteressierten immer wieder besucht. Hier erfahren Sie alle wichtigen Infos zur Geschichte des Wasserturms Heindersdorf. Wo liegt das Wasserturms Heinersdorf genau? Der Wasserturm liegt nördlich der Grundschule am Wasserturm in der Tino-Schwierzina-Straße 66 im Ortsteil Heinersdorf im Bezirk Pankow. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Turm mit den Buslinien 158 oder N58 zu erreichen (Haltestelle: Am Wasserturm) beziehungsweise mit der Tramlinie M2, die ebenfalls die Haltestelle Am Wasserturm anfährt. Ausgangslage: Bedarf eines Rathauses in Heinersdorf Weil die eigenständige Gemeinde Heinersdorf Ende des 19. Jahrhunderts ein rasantes Wachstum erlebte, wurde der Beschluss gefasst, ein eigenes Rathaus zu bauen. Ursprünglich war geplant, dass der Turm ins Heinersdorfer Rathaus integriert und stolzes Wahrzeichen der Landgemeinde werden sollte. Wasserturm Heinersdorf: Errichtung in der Kaiserzeit Da zu Beginn des Ersten Weltkriegs aber die finanziellen Mittel für den Rathausbau fehlten, wurde das Bauvorhaben erst einmal auf Eis gelegt. Lediglich der Rathausturm wurde in den Jahren 1910 bis 1911 fertiggestellt. Nach Kriegsende hätte das Bauvorhaben am Wasserturm fortgesetzt werden sollen. Aber wieder schlug das Schicksal den Heinersdorfern ein Schnippchen: Mit der Eingemeindung 1920 zu Groß-Berlin wurde Heinersdorf in den Bezirk Von Kerstin Heinrich Einst sollte er Teil des Rathauses Heinersdorf werden, doch seit Jahrzehnten verfällt der Wasserturm. Alle Infos zum Lost Place. PANKOWS MYSTERIÖSE RUINE: EIN KOLOSS UND SEIN GEHEIMNIS Pankow integriert. Ein eigenes Rathaus war nun nicht mehr nötig. Als Wasserturm konnte der Rathausturm aber auch nicht mehr benutzt werden, weil die Wasserversorgung inzwischen mittels unterirdisch verlegter Druckwasserleitungen erfolgte. Guter Rat war nun teuer: Was sollte aus der Neubauruine werden? Wasserturm Heinersdorf: Flakstellung im Zweiten Weltkrieg Mit 46 Metern Höhe war der Stahlbetonbau damals nicht zu übersehen. Eine riesige Uhr zierte die Fassade, gekrönt wurde der Rathausturm durch eine prächtige kupferne Kuppel. Nur eine sinnvolle Nutzung war nicht in Sicht. In den Jahren 1934/1935 wurden nach Plänen des Architekten Pankow will den Wasserturm Heinersdorf zurückkaufen und Campus-Pläne im Hinblick auf ein riesiges neues Wohnquartier verwirklichen. Foto: Berliner Morgenpost | Thomas Schubert
15 PANKOWS RUINE Pankow will den Wasserturm Heinersdorf zurückkaufen und Campus-Pläne im Hinblick auf ein riesiges neues Wohnquartier verwirklichen. Foto: Berliner Morgenpost | Thomas Schubert Adresse: Tino-Schwierzina-Straße, 13089 Berlin-Heinersdorf Geschichte: Errichtung 1910–1911 nach einem Entwurf des Charlottenburger Ingenieurs Emil Prinz; Leerstand seit Abzug der Alliierten 1994 Führungen: Keine. Das Betreten des Gebäudes ist nicht erlaubt Status: Aktueller Lost Place Planung: Der Bezirk plant, einen Bildungscampus im Turm einzurichten DAS SIND DIE WICHTIGSTEN FAKTEN ZUM WASSERTURM HEINERSDORF IM ÜBERBLICK: Richard Ermisch am Wasserturm wenigstens eine Gemeindeschule samt Turnhalle errichtet. Der Turm sollte im Schulentwurf als „Aussichtsturm der Heimat- und Sternenkunde dienen“. Erst zogen Grundschüler ein, dann die Hitler-Jugend und zuletzt der Volkssturm, als der Turm im vorletzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs mit einer Flakstellung auf dem Dach versehen wurde. Der Rest des Turms war als Behelfslazarett und Kornspeicher genutzt worden. Wasserturm Heinersdorf: Horchposten während der DDR In der Nachkriegszeit nutzten die sowjetischen Streitkräfte das hohe Gebäude als militärischen Stützpunkt hauptsächlich zur Überwachung des Flugverkehrs mit dem Flughafen Tegel. Gleichzeitig dienten die beiden unteren Geschosse vorübergehend als Schule. Eine Sanierung des Rathausturms ohne Rathaus blieb in der DDRZeit aus. Das Baumaterial verfiel. Bis heute sind die Kriegsschäden und Einschusslöcher an der Fassade des rechteckigen Turms deutlich sichtbar. Wasserturm Heinersdorf: Nach der Wende verkam der Turm zum Lost Place Nach dem Mauerfall und dem Abzug der Alliierten stand der Turm leer und wurde vom zuständigen Bezirksamt zum Verkauf ausgeschrieben. Ab 2008 wechselten mehrfach die Eigentümer der Liegenschaft. Pläne für einen Loft-Umbau des Turms zu einem Wohngebäude durch Investoren scheiterten. Das Bezirksamt genehmigte nicht den geplanten Umbau des denkmalgeschützten Objekts zu Wohnzwecken. Im Jahr 2014 brannte das Innere des Turms aus und das hölzernen Treppenhaus wurde völlig zerstört. Die Brandursache ist bis heute unklar. Wasserturm Heinersdorf: Gibt es Zukunftspläne? Pläne zur Neunutzung des Wasserturms hat Pankow bereits in der Schublade liegen: Der Bezirk möchte das einstige Wahrzeichen kaufen, um darin einen Bildungscampus mit Kita zu eröffnen. In den unteren Etagen soll ein Bildungsort entstehen, der sich in den heutigen Campus der benachbarten Grundschule am Wasserturm anschließt. Eine Kita mit Jugendfreizeiteinrichtung könnte im Sockel des Problemgebäudes Platz finden. Der Bezirk möchte das Gesamtvorhaben umsetzen und will dazu auf den derzeitigen Grundstückseigentümer zugehen.
16 BERLINER RUINE Schrottimmobilie und Geisterhaus sind noch die netteren Umschreibungen, die Anwohner für das seit Jahrzehnten leerstehende Gebäude an der Ecke Hindenburgdamm zum Gardeschützenweg in Steglitz-Zehlendorf benutzen. Der Beton bröckelt und immer wieder dringt Wasser in die baufällige Immobilie, die notdürftig mit Planen abgesichert wurde. Zuletzt musste der Gehweg am Hindenburgdamm wegen herabfallender Fassadenteile abgesperrt werden. Dabei war das Gebäude einst eine beliebte Wohnadresse im Villenvorort Lichterfelde. Wo liegt das Geisterhaus genau? Das Haus liegt am Gardeschützenweg 3, Ecke Hindenburgdamm 72 im Ortsteil Lichterfelde des Bezirks SteglitzZehlendorf. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Areal am besten mit den Buslinien 188, 283, 285, M85 und N88 zu erreichen (Haltestelle Händelplatz). Die Bushaltestelle liegt direkt an der Ecke vom Hindenburgdamm zum Gardeschützweg. Alternativ kann auch der S-Bahnhof Botanischer Garten angefahren werden, von dem es ein etwa neunminütiger Fußweg entlang des Gardeschützenweges bis zu dem verlassenen Haus ist. Ausgangslage: Eklatanter Leerstand in den Bezirken Berlins Es gibt sie in fast jedem Bezirk: Berliner Geisterhäuser. Seit Jahren stehen die Immobilien leer und werden von den privaten Eigentümern vernachlässigt. Alle rechtlichen Mittel und Bußgelder bewegen die Hausherren nicht zum Handeln. Die Wohnhäuser werden zu modernen Ruinen inmitten belebter Stadtteile und das in Zeiten, in denen jede Wohnung dringend gebraucht wird. In Berlin soll es nach Auskunft des Senats etwa 30 sogenannte Problemimmobilien, also Geisterhäuser, geben. Der Mieterverein geht von bis zu 100 verwahrlosten Häusern aus. In allen Von Kerstin Heinrich In Lichterfelde steht ein Wohnhaus am Hindenburgdamm 72 seit Jahren leer – und wird zur Gefahr für Passanten. Die wichtigsten Infos. DIE ÄRGERLICHE GESCHICHTE EINER BERÜCHTIGTEN BERLINER RUINE Fällen lassen die Besitzer ihre leerstehenden Immobilien verfallen und kümmern sich weder um eine Sanierung noch um eine Neuvermietung. Eines der bekanntesten Geisterhäuser ist die Hausruine am Hindenburgdamm. Geisterhaus am Hindenburgdamm: Prunkvoller Neubau in der Kaiserzeit Das Wohnhaus wurde Anfang des 20. Jahrhunderts unweit der Gleise der Potsdamer Eisenbahn – der ersten Eisenbahnlinie Preußens – und des Botanischen Gartens in der damals noch eigenständigen Villenkolonie Lichterfelde errichtet. Vor der Baustelle beDas Geisterhaus am Hindenburgdamm Ecke Gardeschützenweg in Lichterfelde steht seit 20 Jahren leer und verfällt. Foto: FUNKE Foto Services | Reto Klar
17 BERLINER RUINE Adresse: Gardeschützenweg 3, Ecke Hindenburgdamm 72, 12203 Berlin-Lichterfelde Geschichte: Errichtung Anfang des 20. Jahrhunderts; Leerstand seit Mitte der 2000er-Jahre Führungen: Keine. Das Gebäude ist nicht öffentlich zugänglich Status: Aktueller Lost Place. Der Bezirk prüft die Instandsetzung des Hauses mittels einer Ersatzvornahme DAS SIND DIE FAKTEN ZUM GEISTERHAUS AM HINDENBURGDAMM IM ÜBERBLICK: fand sich die erste elektrische Straßenbahn der Welt, die seit 1881 quer durch den Kiez bis zur Preußischen Hauptkadettenanstalt in der Zehlendorfer Straße (heute Finckensteinallee) fuhr. Seit den 1890er-Jahren wurde die damalige Steglitzer Straße (seit 1935 Gardeschützenweg) zum Händelplatz hin durch Wohnungsneubauten erschlossen. Das Eckhaus an der damaligen Chausseestraße (seit 1914 Hindenburgdamm) wurde 1907 fertiggestellt und bezogen. Erster Eigentümer des Hauses war ein Steglitzer Rentner namens G. Ulrich. Mieter dieser Zeit waren unter anderem ein Bildhauer und ein Gärtner, der das Anwesen verwaltete. Im Erdgeschoss eröffnete eine Zigarrenhandlung. Geisterhaus am Hindenburgdamm: Beliebte Wohnadresse in der Weimarer Republik Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Lichterfelde mit dem GroßBerlin-Gesetz 1920 nach Berlin eingemeindet und war nun Ortsteil von Steglitz. Am Hindenburgdamm gaben sich die Mieter der beliebten Wohnadresse in den Folgejahren die Klinke in die Hand: Ingenieure, pensionierte Bankbeamte, Druckereiarbeiter, ein Gastwirt, ein Schuhmacher, eine Witwe und viele Kaufleute zählten zu den Bewohnern des Eckhauses bis in die 1930er-Jahre. Für Sicherheit und Sauberkeit sorgte ein Portier, der auf das Kommen und Gehen im Haus achtete. Seit den 1920er-Jahren firmierte auch die Versand-Konditorei „Alberni“ unter der Adresse und versorgte ihre Kundschaft mit Torten und allerlei anderem Naschwerk, die in dem vierstöckigen Eckhaus am Hindenburgdamm hergestellt wurden. Geisterhaus am Hindenburgdamm: Über mehrere Generationen in Familienbesitz Auch nach dem Tod des ersten Eigentümers blieb das Wohnhaus in Familienhand. Es ging in den Besitz von Bertha Ulrich über, bei der es sich vermutlich um die Witwe des früheren Besitzers gehandelt hat. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Teilung Berlins wurde Lichterfelde als Ortsteil von Steglitz Teil des amerikanischen Sektors. Für das Haus am Hindenburgdamm wurde in den 1960er-Jahren die Erbengemeinschaft Ulrich als Eigentümer eingesetzt. Zuletzt gehörte das Grundstück samt Bebauung einer Berliner Augenärztin, die 1997 verstarb. In den Grundbüchern steht immer noch ihr Name. Bis zu ihrem Tod wurde für die Instandhaltung des Wohnhauses gesorgt. Noch 1995 wurde ein großflächiger Dachgeschoßausbau an dem Eckhaus fertiggestellt. Geisterhaus am Hindenburgdamm: Das Wohnhaus wurde seit den 2000erJahren zum Lost Place Von der einstigen Pracht des Gebäudes am Hindenburgdamm ist nichts mehr geblieben. Nach mehr als 20 Jahren Leerstand wurde die Immobilie zu einer innerstädtischen Ruine. Mit dem Tod der Eigentümerin Ende der 1990er-Jahre wurde ihr Sohn, ein inzwischen pensionierter Radiologe, zum Besitzer des Hauses. Damit begann die Geschichte der Verwahrlosung und des Verfalls der Immobilie. Sanierungen und dringend erforderliche Instandsetzungen unterblieben. Nach und nach zogen die Mieter aus dem Gebäude aus und die Immobilie wurde bis Mitte der 2000er-Jahre zum Geisterhaus. Geisterhaus am Hindenburgdamm: Wie ist der Zustand heute? Inzwischen ist dem vierstöckigen Altbau mit elf Wohnungen und mehreren Ladeneinheiten der jahrzehntelange Leerstand überdeutlich anzusehen. Wohin der Blick auch fällt, haben Vandalismus und Zerstörungswut ihre Spuren hinterlassen: Die Fassade wurde mit Graffiti beschmiert und die Bausubstanz hat sichtlich gelitten. Im Inneren wurden Scheiben und Fliesen zerschlagen. Die Wasserleitungen sind marode oder zerstört und die Stromleitungen durch Kupferdiebe aus den Wänden gerissen. In den Zimmern wurde die zurückgelassene Inneneinrichtung geplündert. Am Boden häuft sich Schutt und Dreck und vermischt sich mit den verrottenden Hinterlassenschaften der letzten Bewohner. Türen sind aus den Angeln gerissen, Wände eingeschlagen und Dachbalken eingestürzt. In einzelnen Zimmern zeigt Ruß an den Wänden, dass es hier offenbar Brände gab. Durch das notdürftig gesicherte Dach dringt Feuchtigkeit ins Gebäude, von der Fassade blättert der Putz. Einzelne Sicherheitsmaßnahmen sollen wenigsten die gröbsten Missstände im Zaum halten: Die Fensterfronten im Erdgeschoss wurden mit Spanplatten verrammelt, ein hoher Bauzaun soll verhindern, dass Menschen in das Haus eindringen oder von herabfallenden Gebäudeteilen verletzt werden. Geisterhaus am Hindenburgdamm: Wie sind die Pläne des Bezirks? Seit gut 20 Jahren steht das Mehrfamilienhaus in Lichterfelde leer. Insgesamt rund 45.000 Euro Bußgeld wurden gegen den Eigentümer verhängt. Doch das hat ihn nicht dazu bewegt, etwas zu unternehmen und das Haus zu sanieren. Um die Hängepartie zu beenden, will der Bezirk nun einen neuen Weg einschlagen und mittels einer Ersatzvornahme eine Mängelbehebung durch Dritte herbeiführen. Die Ersatzvornahme ist ein Zwangsmittel der Verwaltungsvollstreckung: Werden Handlungen trotz bestehender Verpflichtungen nicht erfüllt, kann die Vollstreckungsbehörde diese selbst vornehmen oder durch Dritte vornehmen lassen und die Kosten an den Eigentümer weiterreichen. Unklar ist noch, wie teuer die Sanierung des Hauses wird und wann mit der Mängelbehebung begonnen werden kann.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjExNDA4